Supermamas Leseprobe

Ab 25. August gibt es die Supermamas. Aber ich will sie euch schon früher zeigen. Am liebsten sofort. Seufz, das ist wieder mal die Sache mit dem G-Wort. Gduld? Aber ein bisschen lass ich euch hinter den Vorhang schauen. Das lasse ich mir nicht nehmen. Hier, für euch, exklusiv, das erste Kapitel der Supermamas:

 

Kapitel 1
„Der Hund hat meine Seminararbeit gefressen“, sagte der Student, und Maira überlegte, ob sie lachen, weinen oder den Typen gleich achtkantig aus ihrem Büro schmeißen sollte. Sie begnügte sich mit einem Seufzer und setzte einen Haken auf ihrem Zettel.
„Warum haben Sie dann die Arbeit nicht einfach noch mal ausgedruckt?“, fragte sie, vorsichtig, wie man einen wehen Zahn befühlte, um zu prüfen, ab wann er schmerzte.
„Die, äh, Patrone war leer.“ Maira nickte und machte ein weiteres Kreuz. Der Student reckte seinen Hals, um einen Blick auf ihren Zettel zu erhaschen und sie zog das Papier zu sich.
„Herr Reich, dann gehen Sie doch kurz ins Rechenzentrum rüber.“ Mal sehen, welche Ausrede jetzt kommt.
„Die erlauben das nicht. Da darf man nichts ausdrucken.“ Er rutschte auf dem Stuhl hin und her wie ein kleiner Junge, den man beim Zündeln erwischt hatte.
„Tatsächlich? Dann hat sich das seit meiner Studienzeit geändert. Ich rufe gleich an und frage, ob sie eine Ausnahme machen können.“ Sie griff zum Telefon. Er sah sie an, als wäre ihr ein zweiter Kopf gewachsen. Normalerweise war sie unter den Studenten als gutmütig und nachgiebig bekannt. Musste am Hunger liegen.
„Ich habe die Datei nicht dabei“, sagte er schnell.
„Können Sie sie mir per Mail schicken?“ Drei zu eins, dass nein.
„Äh, also, da fehlt eventuell noch ein wenig.“
„Ein wenig?“
„Können Sie mir nicht noch etwas Zeit geben?“, fragte er und sah Maira so verzweifelt an, dass sie wider Willen Mitleid bekam.
„Ich bin nur noch bis Ende der Woche an der Uni.“ Maira wies auf ihren riesigen Bauch. Während der ersten Monate hatte man gar nichts gesehen, und sie hatte sich schon gefragt, ob die Bilder beim Ultraschall nicht von einem anderen Bauch übertragen wurden. Dann, ab dem siebten Monat war sie plötzlich in die Breite gegangen. Mittlerweile war sie so kugelrund, dass sie jeden Morgen unter der Dusche prüfte, ob sie nicht schon kleine Monde umkreisten.
„Aber Sie könnten das doch von zuhause korrigieren, oder? Ich meine, Sie sind ja noch nicht dran?“, fragte der Student. Wenn es nach dem ginge, würde Maira noch im Kreißsaal Seminararbeiten durchsehen. Sie stellte sich die Hebamme, Frau Gras, vor: Pressen, Atmen, Pressen, Zitieren! Maira musste grinsen. Der Student grinste auch. Mist, jetzt konnte sie ihm keine komplette Absage mehr geben.
„Natürlich kannst du! Sag dem Lümmel, dass du hochschwanger keine Extraarbeit übernimmst, nur weil er seine Termine verschläft!“, sagte eine Stimme in ihr, die alarmierend wie ihr Mann Thorsten klang.
„Ich kann Ihnen eine Verlängerung geben“, sagte Maira langsam.
„Prima, die haben wieder gewonnen. Wann wirst du endlich lernen, dich durchzusetzen?“
„Vielen Dank!“, sagte der Student mit einem Lächeln, das zeigte, dass er damit gerechnet hatte und es für sein gutes Recht hielt.
„Aber nur bis nächste Woche“, sagte Maira schnell, um sich selbst und die Stimme zufriedenzustellen.
„Wie soll ich das in einer Woche schaffen?“
Der hörte sich an, als hätte sie ihm gerade eben die Aufgabe gegeben, und nicht vor drei Monaten.
„Und Sie müssen das mit dem Prüfungsamt absprechen“, fügte Maira hinzu.
Sein Lächeln erlosch.
„Muss das sein?“
„Leider ja. Ich bin ab Freitag in Mutterschutz und darf keine Lehrtätigkeiten ausführen. Ohne das Einverständnis des Prüfungsamts wäre Ihr Schein nicht gültig,“, sagte Maira so freundlich, als wüsste sie nicht, dass sie ihn gerade den Drachen vom Prüfungsamt zum Fraß vorgeworfen hatte.
Der Student nickte und stand auf. Er bedankte sich nicht, aber das hatte Maira auch nicht erwartet.

Sie begleitete ihn zur Tür, froh, etwas Bewegung zu bekommen, aber als sie dort ankam, keuchte sie. Im Moment war es wie verhext: Saß sie, drückte es sie überall, der Bauch war im Weg und Peterchen übte Kickboxen. Ging sie, geriet sie sofort ins Schwitzen. Das lag allerdings nicht nur an ihrer Schwangerschaft. Es war grad mal Ende Mai, und draußen waren es schon fast dreißig Grad. Sie wollte nicht darüber nachdenken, wie der Hochsommer in Berlin ihr als Schwangere zusetzen würde. Noch sieben Wochen bis zur Geburt. Sie wünschte, es wäre heute schon vorbei.

Vor ihrer Bürotür warteten noch sieben weitere Studenten. Maira winkte ihnen, sitzen zu bleiben.
„Ich muss kurz telefonieren. Geben Sie mir bitte eine Minute. Bin gleich wieder für Sie da.“ Ohne auf eine Antwort zu warten, schloss Maira die Tür, lehnte sich dagegen und atmete tief durch. Erst halb elf und sie war schon völlig erledigt.
Maira watschelte zurück zu ihrem Schreibtisch und griff nach ihrem Zettel. Sie überprüfte ihre Einträge noch einmal, während sie aus dem Gedächtnis eine Nummer wählte.
„Denzel IT and Technic Solutions. Jenny Denzel am Apparat“, meldete sich eine geschäftsmäßige Stimme.
„Bullshit Bingo!“, sagte Maira.
Jenny lachte. „Schon? Deine Sprechstunde hat doch erst vor einer halben Stunde angefangen.“ Ihre Schwester kannte Mairas Terminkalender fast so gut wie sie selbst.
„Heute sind meine Studenten in Hochform!“, sagte Maira.
„Die wollen nur, dass du während deiner Mutterschaft an sie denkst.“
„Das kann natürlich sein“, sagte Maira. Wie von selbst griff ihre Hand in die Schublade, in der sie Kekse für den Notfall gebunkert hatte. Schuldbewusst zog sie die Hand zurück. Zwischenmahlzeiten am Vormittag waren tabu! Sie hatte sich fest vorgenommen, keine hormongesteuerte Vollmami zu werden.
„War der Sklaventreiber heute schon bei dir?“, fragte Jenny.
„Nein, der kommt doch immer erst gegen elf.“ Jenny nannte ihren Chef und Doktorvater nur den ‚Sklaventreiber‘. Professor Treiber war an der gesamten Humboldt-Universität berüchtigt dafür, sämtliche Aufgaben auf seine Untergebenen abzuwälzen und selbst die Lorbeeren abzustauben. Sogar die Damen vom Prüfungsamt hatten ihr und den anderen Doktoranden empfohlen, sich an die Unileitung zu wenden. Aber sie wussten genau: Es würde nichts ändern, und sie würden für diesen Hochverrat schwer büßen müssen.
„Und um halb eins geht er dann wieder essen“, kommentierte Jenny.
„Genau, schließlich muss er ja auf seinen Körper achten, damit er noch viele Jahre Spitzenforschung betreiben kann.“
„Du meinst, seine Mitarbeiter drangsalieren, damit sie Spitzenforschung für ihn abliefern?“
„Drangsalieren kostet eine Menge Energie“, scherzte Maira.
„Als kleine Schwester weiß ich so was. Apropos drangsalieren: Hast du schon die letzte Mail von Papa gelesen?“
„Die mit der Petersilie?“, stöhnte Maira.
„Nein, die von heute Morgen. Die mit dem Basilikum“, antwortete Jenny unbarmherzig.
Maira schloss die Augen. „Wie kann Papa überhaupt Mails schicken? Ich dachte, auf so einem Kreuzfahrtschiff gäbe es kein Internet, und er käme da endlich mal zur Ruhe.“ Und wir auch, fügte Maira in Gedanken hinzu. Das war einer der Gründe, warum sie ihrem Vater die Nordmeerkreuzfahrt geschenkt hatten.
„Ach was, auf diesen Schiffen gibt es doch den neuesten Komfort: Spa, Internet, alles, was du dir wünschst.“
„Was ich mir wünsche, ist ein Vater, der nicht jedes Internetforum absucht nach allem, was alles seiner Tochter und seinem armen Enkelchen schaden könnte.“
„Okay, alles kann man dann doch nicht haben. Du hättest Papa einfach mal zu deiner Frauenärztin mitnehmen sollen. Die hätte ihm schon gesagt, dass die meisten Sachen im Internet hoffnungslos übertrieben sind.“
„Das habe ich doch“, protestierte Maira. „Und sie hat ihm das alles genau erklärt.“
„Und was hat er gesagt?“
„Kannst du dir das nicht denken? Dass ich mir eine andere Ärztin suchen sollte, weil die von der Pharmaindustrie gekauft wäre.“
Jenny lachte. „Komm schon. Du weißt doch, wie er ist.“
„Ja, ich weiß es. Das macht es nicht weniger nervig.“
„Mach es doch wie ich! Ich hab ihm gesagt, dass er sich Ratschläge zu meiner Kleidung und meiner Ernährung stecken soll.“
„Das bringe ich nicht übers Herz.“
„Dann jammre auch nicht!“
„Du hast ja keine Ahnung, wie viel Mist es zu Schwangerschaft im Internet gibt. Papa ist im Sorgen-Paradies“, stöhnte Maira. „Was habe ich verbrochen, dass ich das verdiene?“
„Das hast du dir selbst ausgesucht. Dass du schwanger bist, ist deine Schuld. Zumindest zu fünfzig Prozent. Wenn ich mir das ganze Zeug ansehe, was Papa so ausgräbt, da bin ich gleich zweimal froh, dass ich mit den schreienden Fußhupen nichts zu tun haben möchte.“
„Wart´s nur ab. Wenn erst der Richtige kommt …“, sagte Maira, die hohe Stimme ihrer Tante imitierend, von der sie wusste, dass sie Jenny auf die Palme brachte.
Jenny schnaufte. „So richtig kann der gar nicht sein. Ehrlich: Genieße deine letzten Tage in Freiheit! Im Moment benutzt Peterchen dich nur als Trampolin. Aber wenn der kleine Scheißer erst mal da ist, gibt es für dich erst einmal nur noch Windeln und Stillen.“
Als hätte Peter zugehört, wählte er diesen Moment, um Maira einen kräftigen Tritt zu verpassen. Genau auf die Blase! Maira stöhnte auf.
„Entschuldige Jenny, ich muss Schluss machen.“
„Du wirst mich die nächsten Tage nicht erreichen. Wir versuchen, in den Nationalpark reinzukommen und da habe ich nicht überall Netz.“
„Mach dir keine Sorgen um mich! Ich bin die große Schwester. Sorgen machen ist mein Job. Lass du dich nicht verhaften.“
„Sollen sie nur! Dann kommt die Schweinerei in die internationalen Zeitungen. Und selbst ein multinationaler Konzern kann sich nicht so viel schlechte Presse leisten.“ Ah, Jenny befand sich mal wieder auf einem Kreuzzug gegen die Mächtigen dieser Welt.
„Ich habe gehört, die spanische Polizei geht mit Protestlern nicht gerade zimperlich um. Sei einfach vorsichtig!“
„Ja, Mama. Und du passe aber auch gut auf dich auf, auf dich und den kleinen Trampolinspringer“, sagte Jenny mit Wärme in der Stimme.
„Mach ich!“
„Und schön brav weiter den Bingozettel ausfüllen. Wenn er voll ist, zahl ich am Samstagabend bei Paki-Stani.“ Paki-Stani war der beste Pakistaner in Berlin. Leider auch entsprechend teuer.
„Aber das gewinnst du nie!“, lachte Jenny. „‘Hund hat die Arbeit gefressen‘, wer benutzt das schon als Ausrede?“
Maira schnaufte nur.

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Ein Gedanke zu „Supermamas Leseprobe

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