Hollerbrunn Leseprobe

Am Donnerstag erscheint mein neuestes Buch Hollerbrunn, und ich bin mir sicher, dass es vielen von euch auch gefallen wird. Aber ihr sollt natürlich nicht mein Wort dafür nehmen. Deswegen gibt es jetzt schon mal als Einblick Kapitel 1 von Hollerbrunn. Viel Spaß!

Eine neue Familie

„Dieses Alpenkaff ist wirklich das Allerletzte! Wie irgendein halbwegs gebildeter Mensch hier leben kann, ohne wahnsinnig zu werden, werde ich nie verstehen. Kein Wunder, dass Tim so oft wie möglich von hier abgehauen ist und zu mir in die Stadt kam.“ Desirees Stimme klang durch das offene Fenster, wie immer ein bisschen zu schrill und ein bisschen zu laut.

„Aber ich musste mich ja in ihn verlieben. Jetzt stecke ich hier am Ende der Welt fest. Meine Tochter benimmt sich unmöglich. Mit der Diät, die du ihr rausgesucht hast, hat sie immer noch nicht angefangen. Die Friseurin im Ort weigert sich, meine Haare zu schneiden, weil kurze Haare so unfraulich wären. Und dann ist da noch meine Stieftochter! Dieses Mädchen, sag ich dir! Faul und dumm! Das hat sie von ihrer Mutter.“

Ich marschierte los, bis die Stimme meiner Stiefmutter verklang. Dann fuhr ich mit meiner Arbeit fort: Dekoration für die Gaststube sammeln.

Einen schönen Strauß an Herbstblättern hatte ich bereits beisammen: Blutrote Ahornblätter und honiggelbe Lindenherzen, deren Farben vor dem matten, bodenständigen Braun der Eichen erst richtig zur Geltung kamen. Mein Dirndlkleid spannte an den Ärmeln, als ich mich bückte, um einige Kiefernzapfen zuzufügen. Das Kleid stammte vom letzten Jahr, und ich war seither um fünf Zentimeter gewachsen. Auf dem Pfad lag ein Birkenzweig, die Blätter wie Bernsteintropfen um das glänzende Holz geschmiegt. Behutsam hob ich ihn auf. Die Blätter erzitterten. Dann rieselten sie nacheinander zu Boden.

Egal wie vorsichtig ich bin, manche Dinge vergehen einfach. Für einen Augenblick wünschte ich mir den Sommer zurück, seine Wärme und seine unerschöpflichen Blumenmeere, die auf jedem Hang und jeder Wiese des Tales sprossen. Mutter hatte immer gesagt, dass meine Sträuße den Adlerhof um mindestens zwei Klassen besser aussehen ließen. Dieses Jahr hatte ich nur Blumen für ihr Grab gesucht.

„Marie? Wo steckst du denn schon wieder?“

Ich fuhr heftig zusammen. Wie lange hatte ich den Boden angestarrt? Ich eilte zum Gasthof, während ich mir die Tränen aus den Augen wischte.

Desiree blickte von ihrem Handy auf, als ich die Küche betrat.

„Schön, dass du von deinem Spaziergang zurück bist. Weißt du, andere Leute haben zu arbeiten!“ Sie strich sich nervös die Haare hinter die Ohren.

„Ich habe Sträuße für die Gaststube gesammelt“, antwortete ich nur und erhielt ein Schnauben als Antwort.

„Blätter auf den Tischen sind unhygienisch. Und überhaupt, wo hast du nur diese altmodische Idee her?“

„Mutter hat gesagt …“

„Natürlich. Deine Mutter wusste immer alles besser“, unterbrach Desiree.

„Die Leute hier im Tal mögen es altmodisch.“

Desiree verzog das Gesicht, als hätte sie in etwas Ekelhaftes gebissen. „Da hast du allerdings recht. Man könnte glauben, im Hollertal wäre die Zeit stehen geblieben. Aber dem ist nicht so. Die Tische in der Gaststube sind noch nicht gedeckt.“

„Ich weiß, was zu tun ist. Ich decke die Tische, seit ich sieben bin“, sagte ich.

„Und ich habe keine Ahnung und bin die Außenseiterin. Danke, dass du mich daran erinnerst! Um ein Haar hätte ich es vergessen. Und jetzt muss ich mich darum kümmern, die vermaledeite Kaffeemaschine in Gang zu bringen. In der Stadt würde ich einen Techniker anrufen, aber hier gibt es ja keinen.“

Mit diesen Worten wandte sich Desiree wieder ihrem Handy zu, und ich beeilte mich, in die Gaststube zu kommen.

Desiree hatte darauf bestanden, die Eingangshalle des Adlerhofs zu renovieren und die Gäste wurden dort von Glastischen und billigem Kieferfurnier begrüßt. Für mehr war kein Geld da gewesen. Ich hasste die Halle, die aussah, als wäre man in einem drittklassigen Berliner Hotel gelandet, und war froh, dass Vater Desiree bisher von einer Verschönerung des Gastraums hatte abhalten können. Ich atmete auf, als ich den dunklen, holzvertäfelten Raum betrat. Die fünfzehn Eichentische stammten noch von meinem Großvater, genauso wie ein großer Teil der Bilder und Schnitzereien an der Wand. Hier fühlte ich mich geborgen. Hier war alles wie immer, wie es sich für eine Alpenwirtschaft gehörte.

Ich deckte die Tische an den Fenstern und stellte das Laub in die Vasen. Zuletzt trat ich zurück, um mein Werk zu begutachten.

„Grüß Gott!“, kam eine Stimme von der Tür. Automatisch strich ich mein Dirndl glatt und setzte ein Lächeln auf. Von einer Wirtstochter erwartete man eine propere Erscheinung, und ich hatte von klein auf gelernt, alle persönlichen Befindlichkeiten vor der Tür der Gaststube zu lassen.

„Guten Morgen, Herr Breitner!“, grüßte ich zurück. Ich ging hinter den Tresen und griff nach einem Glas. Ich brauchte nicht zu fragen, was er trinken wollte. Der Breitnerbauer kam jeden Morgen für sein Weißbier. Ein lautes Scheppern aus der Küche erklang und beinahe hätte ich das Glas fallen gelassen. Dann erklang ein Geräusch, als würde jemand gegen ein Metallblech schlagen.

„Was ist denn das?“, fragte der Breitnerbauer und setzte sich. Der Barhocker schwankte und krachte, hielt aber.

„Meine Stiefmutter hat eine neue Kaffeemaschine gekauft“, erklärte ich.

„Ist die Alte denn kaputtgegangen?“

„Nein, aber wir hatten eine ganz normale Maschine. Diese kann auch Espresso kochen, und Cappuccino!“

Herr Breitner verzog das Gesicht. „Das ist doch nur wieder so ein neumodischer Schmarrn. Also ob normaler Kaffee nicht gut genug wäre.“

„Manche Leute trinken halt gerne mal etwas anderes“, wandte ich ein.

„Ich wüsste nicht, wer.“

„Herr Breitner, Sie trinken nie Kaffee“, sagte ich und hielt dem Bauern das volle Weißbierglas entgegen.

„Das stimmt allerdings“, antwortete er lachend und griff nach dem Bier.

„Marie, wo bleibst du?“, rief Desiree aus der Küche.

„Ich komme schon, Desiree“, antwortete ich.

„Falls Sie noch etwas brauchen, klingeln Sie einfach“, fügte ich an Herrn Breitner gerichtet hinzu und wies auf die große Kuhglocke über dem Tresen. Dann eilte ich in die Küche, wo Desiree schon ungeduldig auf mich wartete.

„Na endlich! Bereite das Frühstück für die Gaststube vor! Mit den Gästen schwatzen kannst du auch später noch“, zischte sie. Ihr Auge zuckte und sie sah aus, als stünde sie kurz vor einem Herzinfarkt.

„Und du könntest auch mal lächeln. So vergraulst du nur die Gäste“, fügte sie hinzu.

Ich nickte und wandte mich ab. Es wäre so einfach, das Wirtshauslächeln für Desiree aufzusetzen, fröhlich und freundlich zu tun. Aber ich konnte es nicht. In der Gaststube konnte ich es mir vorhalten wie eine Maske, konnte es fast selbst glauben, dass ich wieder die alte, fröhliche Marie wäre. Aber sobald ich den Raum verließ, schien es zu zerfallen wie Papier im Regen. Hier war nichts wie immer, und am liebsten wäre ich schreiend und weinend fortgerannt. Stattdessen hielt ich mich an dem Vertrauten fest, bereitete das Frühstück vor, schnitt Brot auf, richtete es in Körben an, verteilte Aufschnitt, Marmelade, Honig und Butter auf silbernen Platten und goss den Orangensaft in die Karaffen.

Als ich mit den Vorbereitungen fertig war, eilte ich zurück in die Gaststube. Drei Tische waren besetzt, alles Bekannte aus dem Ort. Ich nahm ihre Bestellungen auf, schloss die alte Kaffeemaschine wieder an, entschuldigte mich bei den Gästen für die Verzögerung, brachte die Tabletts zu den Tischen, kassierte für das Weißbier, brachte den Kaffee, goss ein, ein Zentimeter unter den Tassenrand, und wenn ich alles richtig machte, wäre alles wie früher und Mutter würde zurückkehren.

Ich schrak so heftig zusammen, dass ich um ein Haar den Kaffee daneben gegossen hätte. Ich setzte die Kanne ab und rannte in die Küche zurück. Meine Hände zitterten, als ich in den Küchenschrank griff, um eine Tischdecke für den Frühstückstisch der Familie herauszuholen. Wo war dieser Gedanke hergekommen?

Hinter mir klapperte die Tür und Pegg trat ein. Meine Stiefschwester hatte ihren üblichen mürrischen Gesichtsausdruck aufgesetzt, den sie wie eine Fahne vor sich hertrug. Sie hatte sich schon eine Jeans angezogen, die ihr bestimmt eine Nummer zu klein war und an den Oberschenkeln spannte. Darüber trug sie noch ihr Schlafanzugoberteil. Mutter hätte nie erlaubt, dass sich jemand im Schlafanzug an den Frühstückstisch setzt, nicht mal der Vater. Pegg nickte mir zu, das Äußerste, was sie sich an Gruß abringen konnte und griff nach der Karaffe mit dem Orangensaft, der prompt überlief.

„Die Gläser sind zu klein“, murrte Pegg, als wäre es die Schuld der Gläser, dass sie gekleckert hatte. „Ist kein frisch Gepresster da?“

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, den bekommen wir ab nächste Woche, wenn die Wintersaison beginnt.“ Falls Desiree daran gedacht hatte, Orangen zu bestellen.

Pegg quetschte sich auf die Holzbank hinter dem Tisch. „Du meinst, falls die Wintersaison beginnt. Bisher ist noch keine einzige Flocke gefallen. Den Winter könnt ihr euch wohl abschminken.“

„Du hast noch nie einen Winter im Hollertal erlebt. Die Saison beginnt immer am ersten Advent. Glaub mir, übermorgen schneit es. Bestimmt gefällt es dir dann auch!“ Tanzende Flocken! Reifüberzogene Äste! Kinder, die Schneemänner bauten. Ich lächelte bei der Erinnerung. Es fühlte sich ungewohnt an.

„Nichts bringt mich dazu, dieses Loch zu mögen“, sagte Pegg.

„Sag das bitte nicht vor unseren Gästen, meine Liebe!“, sagte Desiree von der Tür aus. „Und zum letzten Mal: Wartet, bis alle am Tisch sitzen, bevor ihr mit dem Frühstück beginnt! Wir sind jetzt eine Familie.“ Sie sah die Saftspuren und verzog missbilligend den Mund. „Hättest du nicht eine saubere Tischdecke auflegen können?“

Ich warf Pegg einen Blick zu, aber die schwieg. Typisch!

„Und du, trink nicht so viel Saft! Der hat zu viele Kalorien“, wandte Desiree sich an Pegg.

„Ja, ich weiß, du warst immer schlank und kontrolliert und hast alles richtig gemacht, und bla bla. Hast du schon Orangen für nächste Woche bestellt?“, antwortete Pegg mit einer Stimme, die vor falscher Freundlichkeit troff.

„Orangen? Was …“

„Na, wenn du hier schon Köchin spielen willst, solltest du auch deine Arbeit machen. Das erzählst du mir doch auch immer.“

„Guten Morgen!“ Vater betrat den Raum, bevor Desiree antworten konnte. Ich sah weg, als er Desiree küsste.

„Ich kümmere mich um die Tischdecke, Desiree“, sagte ich und stand auf.

Sofort machte sie sich von Vater los.

„Ich habe dir schon hundertmal gesagt, dass du mich Mutter nennen sollst.“

Pegg lachte. „Wieso? Ich nenne dich doch auch nicht Mutter.“

„Das ist etwas anderes. Wenn du mich Mutter nennst, fühle ich mich alt. Aber bei Marie ist es ein Zeichen von fehlendem Respekt.“

„Lass das Mädchen doch mal in Ruhe“, seufzte Vater und setzte sich.

„Du bist natürlich wie immer auf ihrer Seite, Tim.“

Ich blendete die Jammertirade meiner Stiefmutter aus und lehnte mich zurück. Eigentlich müssten Pegg und ich schon auf dem Weg zur Schule sein, aber dieses Jahr standen vor den Weihnachtsferien die Berufspraktika an, und wir hatten gestern unseren letzten Schultag gehabt.

„Hast du schon von deinen Praktikumsplätzen gehört, Marie?“, fragte Desiree, deren Gedanken wohl in die gleiche Richtung gingen.

Marie schüttelte den Kopf. „Ich …“ Aber Desiree sah sie gar nicht an. Stattdessen blickte sie zu ihrer eigenen Tochter, die lustlos auf dem Stuhl herumlümmelte und ihr Brötchen in kleine Fetzen rupfte.

„Wie oft soll ich dir noch sagen, dass du mich nicht Marie nennen sollst“, fauchte Pegg.

„Das ist aber dein Name. Hätte ich gewusst, dass man dir in Amerika solche Flausen in den Kopf setzt, hätte ich dir den Schüleraustausch nie erlaubt.“

„Marie ist ein Scheißname. Alle drüben haben mich Pegg genannt, und das ist viel cooler. Warum darf ich nicht selbst entscheiden, wie ich heißen soll?“ Pegg warf ihr Brötchen hin und die Krümel flogen davon. Ich würde nachher die Küche kehren müssen.

„Sie haben dich Pegg genannt, weil sie zu dumm waren, deinen Nachnamen auszusprechen. Aber Pech ist kein guter Name, es ist ein Name, den man schnellstmöglichst ablegen sollte.“ Die letzten Worte betonte Desiree, mit einem Seitenblick in Vaters Richtung. Doch der hatte sich schon die Zeitung gegriffen und las. Oder er tat so. Ich hatte manchmal das Gefühl, Vater versteckte sich hinter der Zeitung, wann immer er einem Gespräch aus dem Weg gehen wollte.

„Tim, jetzt sag du doch auch etwas dazu“, half Desiree nach. Widerwillig ließ Vater das Blatt sinken und setzte seine strenge Vatermine auf.

„Pegg, lenk nicht ab! Was ist mit deinem Praktikum?“, fragte er.

Pegg zuckte mit den Schultern. „Ich habe bisher noch nichts gehört.“

Ich hatte in den letzten Wochen mehrmals an Pegg adressierte Umschläge mit fremden Firmennamen in der Post gesehen. Aber ich sagte nichts. Das sollten die unter sich selbst ausmachen.

Desiree schnaufte. „Übernächste Woche spätestens soll dein Praktikum beginnen. Es geht hier um deine Zukunft. Du solltest das wirklich etwas ernster nehmen.“

„Warum kann ich nicht auch einfach hier auf dem Adlerhof mein Praktikum machen? Bei Marie geht das doch auch!“, fragte Pegg.

„Ich habe dir das vorgeschlagen, aber du wolltest nicht. Du sagtest, du hättest keine Lust, deine Zeit mit Geschirr spülen und kochen zu vergeuden, und wolltest lieber etwas in der Stadt finden.“

Pegg blickte zur Seite. Das stimmte, das hatte sie gesagt.

„Abgesehen davon ist mir das sowieso lieber“, fügte Desiree hinzu. „Marie ist zwar faul, aber sie kennt sich hier mit den Sachen aus. Es ist meine erste Saison als Wirtin, und da kann ich Hilfe gut gebrauchen.“

Pegg warf mir einen giftigen Blick zu. Typisch! Pegg betonte zwar bei jeder Gelegenheit, wie egal es ihr war, was ihre Mutter von ihr hielt, aber wenn die mir nur die Andeutung eines Kompliments machte, reagierte sie eifersüchtig wie ein Hund, dem man einen Knochen weggenommen hatte.

„Apropos, Marie, hast du schon die Bestätigung, dass du dein Praktikum hier durchführen darfst?“, fragte Vater und sah mich aufmerksam an.

Ich zuckte zusammen.

„Nein. Die Schule wollte ja beim Kultusministerium nachfragen, und uns das Ergebnis mit der Post schicken.“

„Die lassen sich ja Zeit“, schnappte Desiree. „Nächste Woche beginnen die Praktika und wir haben noch keine Nachricht. Wieso stellen die sich da überhaupt so an?“ Ihr Blick flackerte unruhig.

Vater legte seine Hand auf ihren Arm. „Du musst sie auch verstehen. Fast alle Familien hier im Ort haben eine Gaststube oder eine Pension, Desi. Normalerweise sollen die Kinder woanders hin, um Erfahrungen zu sammeln.“

„Aber …“

„Sie lassen für uns eine Ausnahme zu, weil wir ein Sonderfall sind“, unterbrach Vater sie, bevor sie zur nächsten Schimpftirade ansetzen konnte.

„Na, hoffentlich tun sie das auch! Marie, hast du die Post heute schon geholt?“

Ich schüttelte den Kopf. „Die kommt nie vor halb neun.“

„Nun, es ist acht Uhr fünfunddreißig. Geh nachschauen, ob sie da ist! Ganz ehrlich, ich weiß nicht, warum ich mit zwei solchen Töchtern gestraft bin.“

Auf dem Weg nach draußen warf ich einen schnellen Blick in den Gastraum, aber alle Gäste waren zufrieden. Die Post war mittlerweile angekommen: Einige Rechnungen, mehr als ich es von früher kannte, zwei Briefe für Pegg, und da, ein Schreiben von der Schule, an Vater adressiert. Mein Magen schien sich zu heben. Es war verpönt, auf dem Hof oder der Pension der eigenen Eltern das Berufspraktikum zu absolvieren, aber wir hatten um eine Ausnahme gebeten, weil ich erst so kurz vorher die Mutter verloren hatte, und am Adlerhof zwingend gebraucht wurde. Desiree hatte mich auch unterstützt, wohl das erste Mal, dass wir beide einer Meinung waren. Ich wollte nicht vom Adlerhof weg, ich hatte mich nicht mal woanders beworben. Hier war ich sicher, das war alles, was von meinem alten Leben übrig war.

Ich ging zurück in die Küche und verteilte die Post. Meine Hände zitterten, als ich Vater den Brief von der Schule überreichte. Er riss das Kuvert auf, und er fluchte.

„Was ist?“, fragte Desiree.

„Nicht stattgegeben. Marie darf ihr Praktikum nicht bei uns machen.“ Vater warf den Brief auf den Tisch.

Desiree schnappte nach Luft. „Das kann ja wohl nicht wahr sein. Dabei war ich letzte Woche extra in der Schule und hab diesen Schnepfen gesagt, was ich von ihren Regeln halte.“

„Na, dann ist es ja wohl kein Wunder, dass sie für unser Goldkind keine Ausnahme machen. Toll gemacht, Mutter!“, sagte Pegg von ihrem Sitz. Sie hatte ihre Briefe ungelesen eingesteckt.

Ich starrte das Schreiben an, während Gedanken durch meinen Kopf wirbelten.

„Ich werde mich gleich ans Telefon setzen. Wenn diese Kuhhirten sich so anstellen, muss ich mich halt direkt ans Ministerium wenden“, sagte Desiree mit ihrer Anwaltsmine.

„Der Brief stammt vom Ministerium und wurde von der Schule weitergeleitet. Nein, Desi …“ Vater schüttelte den Kopf. „An der Entscheidung gibt es wohl nichts mehr zu rütteln.“

Desiree erbleichte. „Aber … das geht doch nicht. Was soll ich jetzt nur machen? Nächste Woche beginnt die Saison. Ich brauche Marie in der Küche.“

„Ach was, du schaffst das, Desi. Ich werde dir helfen.“

„Du? Was weißt du schon von Kochen?“

„Ich habe hier immer ausgeholfen, wenn viele Gäste da waren und Heidrun …“

„Vielleicht kann Marie ihr Praktikum ja nächstes Jahr absolvieren“, unterbrach Desiree und funkelte Vater an, der den verbotenen Namen ausgesprochen hatte. Doch dieses Mal ließ der sich nicht einschüchtern.

„Das kommt überhaupt nicht in Frage. Damit würde sie ein ganzes Schuljahr verlieren. Wo hast du dich sonst noch beworben?“

Ich brauchte eine Sekunde, um zu merken, dass Vater mich meinte. Ich konnte nur den Kopf schütteln.

„Nirgends? Kind, das war leichtsinnig. Also, wir machen Folgendes: Ich hänge mich ans Telefon und rufe meine Geschäftspartner an. Und du setzt Bewerbungen auf.“

„Deine Geschäftspartner? Aber die sind alle woanders. Ich kann nicht, ich kann hier nicht weg!“ Ich merkte, dass ich stotterte.

„Irgendwann musst du in die Welt“, sagte Vater. In seinen Worten mischten sich Verständnis und Irritation. Ich kannte diese Stimmung nur zu gut. Wenn ich jetzt nicht nachgab, würde er sich enttäuscht abwenden. Aber …

„Ich kann nicht. Das musst du doch verstehen!“, stieß ich aus.

„Willst du hier im Adlerhof sitzen bleiben, bis du stirbst?“ Alle erstarrten. Sogar Desiree schnappte nach Luft. Ich starrte Pegg an. Sollte ich weglaufen oder ihr an die Gurgel gehen?

„Ich, ich meinte nicht …“, stotterte Pegg.

„Ich weiß, dass du nicht von hier fortwillst, Mariechen“, sagte Vater begütigend. „Ich frage zuerst bei den anderen Pensionen hier im Ort an, und bei einigen meiner Freunde in der Stadt nur zur Sicherheit. Wollen wir es so machen?“

Ich nickte und schluckte die Tränen hinunter. „Natürlich, Vater!“

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