Mainhattanfiles: Die Küchenschlacht (8/8)

„Mit welchem der beiden Köche möchten Sie Ihr Glück versuchen?“
„ich nehme Herrn Octavio“, antwortete ich. Der verzog sein Gesicht zu einer Grimasse.
„Herr Octavio, Sie bekommen einen Vorteil“, rief Grau zu uns hinüber.
„Sie meinen einen Nachteil? Mit einem Laien in der Küche.“ Man hörte das Publikum nach Luft schnappen, und ich brauchte keine Telefonumfrage, um zu merken, dass die Stimmung grade gegen Octavio umgeschlagen war. Im Publikum saßen fast ausschließlich Laien, und die mochten es gar nicht, wenn in solch einem abschätzigen Ton von ihnen geredet wurde.


Der Gartenzwerg versuchte, die Stimmung zu retten.
„Was kochen Sie denn heute Abend?“, wandte er sich an Grau.
„Heilbutt an Fenchelgemüse mit einem Kartoffelgratin und Kaffeeparfait zum Nachtisch.“
„Fisch und Chips? Das passt ja zu deinem Niveau“, schnarrte Octavio und das Publikum johlte.
„Und Sie?“
„Rindsmedallions auf einem Ruccolabett auf italienische Art.“
„Also mit drei Liter Olivenöl“, kommentierte Grau bissig.
Das Publikum brüllte noch lauter. Ich erwartete, dass der Moderator das Publikum oder die Kontrahenten zur Ordnung rufen würde. Aber der grinste nur schief in die Kamera. Die Stimmung erinnerte mich an Gladiatorenspiele auf Avalon, wo es egal war, wer gewann, wenn nur eine Menge Blut dabei floss.
„Da scheint eine Menge persönliche Abneigung zwischen den Kandidaten zu bestehen.“, kommentierte der Moderator das Offensichtliche. „Dann mal los. Die Uhr läuft.“
Fünf Kameras fuhren nahe an die Köche heran, während sie ihre Zutaten zusammensuchten. Ich trat an Octavio heran.
„Was soll ich machen?“
„Aus dem Weg bleiben.“
Das war mir ganz recht. Wie gesagt: Küche und ich vertragen uns nicht. Ich konnte nicht mal Wasser kochen, ohne es anbrennen zu lassen.
Stattdessen beobachtete ich Octavio. Ich hatte erwartet, dass er die gestohlenen Messer im Wettkampf benutzen würde. Doch ich wurde enttäuscht. Es waren nagelneue Messer, die er zum Schnippeln und Hacken verwendete. Er schnitt den den Rucola einmal in der Mitte durch, dann griff er nach dem Rindfleisch und mit der anderen Hand nach einem anderern Messer. Aufmerksam lehnte ich mich nach vorne. Wieder war es ein nagelneues Messer.
„Nur noch 5 Minuten“, kam die Stimme vom Gartenzwerg. Er klang gelangweilt.
„So, jetzt müssen Sie zwei mal interagieren“, sagte er dann.
„Was meint er?“, fragte ich Octavio verwundert.
„Na, in der Sendung soll nachher gezeigt werden, wie gut Sie mir bei der Zubereitung geholfen haben.“
„Aber ich habe Ihnen nicht geholfen.“
„Das soll aber doch keiner wissen. Wie sähe das denn aus?“
„Als wären Sie ein unsozialer Typ, der niemanden mit seinen Spielsachen spielen lässt?“
„Genau!“
„3 Minuten!“

Octavio fuhr hoch. „Kommen Sie, beeilen Sie sich!“ Er stürzte zu der Pfanne, in der das Rinderfilet vor sich hin briet.
„Tom, würden Sie bitte das Ruccolabett vorbereiten?“, fragte er, und ich brauchte nicht die Kameras zu sehen um zu wissen, warum er plötzlich so ausnehmend höflich war. Ich griff in die grünen Blätter und drapierte eine gute Handvoll auf dem Teller.
„Und bitte noch etwas Olivenöl darüber ringeln.“ Was meinte der mit Ringeln? Ich goss die halbe Flasche drüber. Das sollte doch sicher genügen.
„Und noch zehn Sekunden… was ist das denn?“, hörte ich den Moderator neben mir fragen. Ich sah eine Bewegung aus den Augenwinkeln.
„Drei, zwei, eins! Aufhören! Aufhören hab ich gesagt! Kapiert ihr denn gar nichts, ihr nichtsnutzigen Volltrottel?“, kreischte der Moderator. Das Publikum johlte und klatschte. Der Gartenzwerg stand zwei Schritte von uns entfernt, seine Miene zu einer Grimasse des Hasses verzogen. In seiner Hand hielt er ein gebogenes Messer. Es war so schwarz, dass es aussah wie ein messerförmiges Loch im Raum, und als er es nun bewegte und näher kam, sah ich altnordische Runen aufblitzen.
„So viel zum Thema, sie haben Graus Schwerter nicht“, zischte ich Octavio zu. Der starrte nur.
„Aber… das ist doch nicht möglich!“
„Er hat es von Ihrem Arbeitsplatz weggenommen. Sparen Sie ihren Atem- rennen Sie lieber!“ Ich machte einen Satz zurück, gerade noch rechtzeitig, bevor ein Messer an dieser Stelle niederfuhr. Die nahe Kamera wurde sauber in zwei Teile zerschnitten.
„Du“, keuchte der Moderator und seine Augen glühten rot. „Du hast mich zum letzten Mal zum Narren gehalten!“
Ich rannte los, verfolgt von einem wahnsinnigen Koch mit Ziegenbart und nordischen Berserkerschwert. Ich wusste, warum ich keine Küchen mochte. Das Publikum schien immer noch zu glauben, das wäre alles Teil der Show, und feuerte den Moderator an. Aus den Augenwinkeln sah ich jemandem im Weg stehen. Ich stieß sie beiseite, bevor sie von dem Moderator niedergemetztelt wurde, und ließ gleichzeitig die Rucolaplatte los, die ich aus unerfindlichen Gründen immer noch in der Hand gehalten hatte. Ich brauchte eine Waffe. Irgendwas! Mittlerweile war ich eine Runde gerannt. Gleich würde ich wieder an Octavios Arbeitsstation ankommen, an der der Koch immer noch stand wie angewurzelt, die Pfanne mit dem Rindfleisch in der Hand. Etwas berührte meinen Rücken. Ich spürte den Luftzug, als mein T-Shirt zerschlitzt wurde. Ich musste mir etwas einfallen lassen, und zwar schnell. Ich packte die Pfanne, die Cesar ohne Gegenwehr losließ, fuhr herum und warf mich auf die Knie. Das Schwert raste auf mich zu. Ich warf mich zur Seite und schlug mit der Pfanne nach dem Handgelenk des Moderators.
Es war ein guter Treffer, und mit einem Klappern landete das Schwert am Boden. Mit einer mächtigen Rückhand schlug ich dem Mann die Pfanne an den Kopf. Er ging nieder wie gefällt. Ich erhob mich. Das Publikum starrte mich an. Ich brauchte jetzt einen guten Spruch, etwas was die Stimmung auflockerte. Oh ja:
„Die Pfanne ist mächtiger als das Schwert.“
Ich sah eine Bewegung hinter mir und fuhr herum. Und da stand sie: Cosmo, die Frau meiner Träume, in einem hauteng anliegenden Minikleid, das jede Kurve umschmeichelte und ihre Reize noch mehr betonte. Eisblaue Augen blitzten mich an, und aus ihrem einst perfekt gestylten und jetzt mit Rucola garniertem Haar tropfte das Olivenöl auf ihre bloßen Schultern.

„Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen genug danken soll“, sagte Grau und schüttelte mir zum fünften Mal die Hand. Ich grunzte nur unverbindlich und sah unglücklich zu der Tür, hinter der Cosmo verschwunden war. Sie hatte, mich keines Blickes würdigend, das Set verlassen. Ob ich ihr Blumen schicken sollte? Nein, das würde wohl auch nichts mehr helfen. Mit einem letzten Seufzer kehrte ich in die Gegenwart zurück.
„Haben Sie denn alle Ihre Messer wieder erhalten?“, fragte ich. Der Vampir zuckte mit den Schultern.
„Alle bis auf eines. Was sehr schade ist, es war mein bestes Rindfleischmesser. Aber vielleicht finden wir es ja, wenn wir sein Haus durchsuchen.“
Ich blickte Octavio hinterher, der gerade abgeführt wurde. „Das ist eine Verschwörung gegen mich“, krakeelte er. Ich runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf.
„Sie scheinen nicht zufrieden zu sein“, bemerkte Grau.
„Da haben Sie Recht. Irgendwie ergibt das alles keinen Sinn. Warum hat er die Messer hierher gebracht, wenn er sie nicht verwenden wollte? Wieso hat das Publikum sich nicht gewundert, als der Moderator Amok gelaufen ist?“
„Oh, das Letztere ist ganz einfach. Die Leute sind es gewohnt.“
„Was?“
„Chefköche haben den Ruf, manchmal etwas cholerisch zu sein.“
„Mit Messern?“
„Sie wären überrascht.“
„Äh…“ mir fehlten die Worte.
„Und was Caesar betrifft, denke ich, machen Sie sich viel zu viele Gedanken. Seine Handlungen brauchen keinen Sinn zu ergeben.“
„Weil er Römer ist?“
„Genau!“

Mein Magen sagte mir, da stimmte was nicht. Aber mein Magen knurrte auch. Ich warf einen letzten Blick zur Tür, und beschloss dann, es auf sich beruhen zu lassen. Erst Monate später wurde uns allen klar, was für ein großer Fehler das gewesen war.

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