Mainhattanfiles: Die Küchenschlacht (7/8)

Mein Auftraggeber erwartete mich am nächsten Tag vor dem Eingang der Show.
„Denken Sie, die Messer sind hier?“, fragte der Vampir nervös.
„Ich weiß, sie sind hier“, antwortete ich ruhig.
Darauf sah Octavio noch zweifelnder drein.
„Ich weiß es“, wiederholte ich mit aller Überzeugung, die ich aufbringen konnte. Wie sieht es mit Ihnen aus? Können Sie ohne Ihre Messer überhaupt kochen?“
„Junger Magier, ich habe schon gekocht, als Ihr Großvater noch in den Windeln lag. Genauer gesagt habe ich seinen Brei gekocht. Wenn ich besondere Messer brauche, um diese ölige Spaghettiratte Octavio zu schlagen, verdiene ich die Kochschürze nicht länger!“


Der Gedanke an einen breiessenden Großvater Aleister entlockte mir ein hysterisches Kichern, das ich schnell unterdrückte. Dann fiel mir etwas ein.
„Woher wisen Sie, wer mein Großvater ist?“
„Herr Crowley, Sie sind Ihrem Großvater wie aus dem Gesicht geschnitten. Aber machen Sie sich keine Sorgen. ich kann schweigen.“
Grau verabschiedete sich und verschwand im Backstagebereich. Ich blickte ihm mit offenen Mund hinterher und wäre um ein Haar weggerannt. Dann zuckte ich mit den Schultern und schlenderte zur Zuschauertribüne. Grau hatte mich nur erkannt, weil er der Koch für den alten Aleister gewesen war. Viel mehr Leute sollten ihn nicht kennen. Ich ließ mich nieder und machte es mir bequem. Wieder und wieder wurde mein Blick vom VIP-Bereich angezogen. Grau hatte gesagt, Cosmo würde als Überraschungsgast kommen. Ich würde sie sehen. Mit meinen eigenen Augen! Vielleicht könnte ich sie sogar nach einem Autogramm fragen? Vielleicht würde ein Dämon erscheinen und ich könnte sie retten. Und sie würde mir als ihrem Retter einen Kuss …
„Guten Morgen, meine Damen und Herren“, sagte da eine Stimme. Unangenehm aus meinem liebsten Tagtraum gerissen blickte ich zu der Figur, die da auf der Bühne stand. Es war ein Männchen, in der weißen Kluft der Chefköche, glatzköpfig und mit einem langen Ziegenbart. Die Menschen um mich herum klatschten begeistert.
„Warum klatschen Sie? Der hat doch noch gar nichts gemacht“, fragte ich die Frau neben mir, eine grauhaarige Dame, die ohne Zweifel ihre besten Sonntagsklamotten trug. Sie wandte sich mir zu, und mich überrollte der Geruch nach Mottenkugeln.
„Aber das ist der…!“, sagte sie vorwurfsvoll. Ich verstand nicht mal den Namen. Egal. Klatschte ich halt mit. Leider hatten alle anderen bereits zu klatschen aufgehört.
„Ah, wie gut, dass wir immer jemanden haben, dem man die Regeln noch einmal erklären kann“, sagte der Mann mit einem breiten Grinsen in meine Richtung.
„Regel Nummero Uno: Ihr schaut auf dieses Zeichen. Wenn das aufleuchtet, müsst ihr klatschen. Sobald es ausgeht, hört ihr auf. Und das üben wir jetzt mal.“
Das viereckige Schild hinter dem Mann leuchtete auf, und der gesamte Raum brach in Begeisterungsstürme aus.
„Machen Sie einfach mit. So schwer ist es nicht.“ Ich brauchte einen Moment, um zu verstehen, dass der Mann mich meinte. Ich wurde feuerrot, blickte auf meine schwarze Jeans hinab. Moment! Ich war ja Tom. Und der ließ sich nicht unterbuttern. Und schon gar nicht von so einem Hutzelzwerg.
„Entschuldigung! Sie müssen das noch mal erklären. Ich bin nicht so gut im Vortäuschen.“ Um mich herum schnappten die Zuschauer nach Luft und lachten. Es klang völlig anders als das Lachen auf Kommando. Der Typ verzog das Gesicht. Tja, Lachen auf deine Kosten gefällt dir wohl nicht so gut.
„Regel Nummer zwei: Die Witze mache ich hier“, sagte er. Ich zuckte nur mit den Schultern. Ich hätte was sagen können, aber eigentlich wollte ich ja nicht auffallen.
„So, gleich gehen wir auf Sendung. Ich will Begeisterungsstürme. Seid ihr bereit?“
„Jaaa“, erklang aus hundert Kehlen.
„Seid ihr bereit?“
„Jaaa“ schrien die Leute noch lauter.
„He, Witzbold. Bist du auch bereit?“ Na toll, der hatte es auf mich abgesehen.
„Na klar“, antwortete ich.
„Warum sagst du dann nichts?“
„Ich wollte beim dritten Mal mitschreien“, sagte ich, genau wissend, dass er mich gleich noch mehr hassen würde.
„Hä?“
„Weil sie sowieso dreimal fragen. Egal, wie laut wir beim ersten Mal sind. Sie fragen immer dreimal. Warum also die Mühe machen, bei ersten Mal schon mitzubrüllen?“ Die Leute prusteten los. Der Typ stand da und ihm fehlten die Worte. Nach einigen Sekunden zuckte er mit den Schultern
„Dann legen wir mal los.“ Ah, scheinbar hatte er beschlossen, mich nun zu ignorieren. Was für ein lahmer Kerl! „Unnnnnd- Action!“ Das Licht ging an und die Zuschauer applaudierten.
„Stopp Stopp! Ihr müsst in die Kamera schauen. Und nicht lachen. Es hat noch niemand einen Witz gemacht.“
„Doch! Er!“ brüllte jemand aus der ersten Reihe und wies auf mich. Tatsächlich hatten die meisten im Publikum nach mir geschaut, ob ich den nächsten Trick aus dem Ärmel ziehen würde. Der Moderator schaute, als hätte er in eine biologische Zitrone gebissen.
„Das hat das Publikum aber doch noch nicht gesehen. Also, niemand hat einen Witz gemacht! Leute, ihr bleibt hier, bis das richtig sitzt!“
Diese Drohung wirkte, und beim nächsten Versuch klatschten alle Leute brav und gehorsam.
„Guten Abend, und willkommen bei der Küchenschlacht. Heute Abend begrüßen wir zwei Rivalen, die um die Krone der Küche kämpfen….“
Grau und Cesar Octavio betraten die Bühne und wurden wortreich vom Moderator präsentiert. Dann gab es erneut einen Cut, in dem er Dorian und Cesar einschärfte, nun bitte besonders wütend auszusehen. Diese Ermahnung war überflüssig. Die Beiden starrten einander an wie zwei tollwütige Hunde, die gleich zähnefletschend aufeinander losgehen würden.
Danach gab es erneut eine Unterbrechung. Die Küchenschlacht war bekannt für schnell geschnittene Szenen, Dynamik und Tempo. Davon war hier im Studio nichts zu bemerken. Nach einer Stunde waren wir immer noch bei der Einführung, und das Publikum wies erste Ermüdungserscheinungen auf.
„Nun kommen wir aber endlich zu unserem Stargast.“ Ich saß plötzlich aufrecht.
„Ihr habt alle sicher schon sehnsüchtig auf sie gewartet.“ Ich spürte meine Hand zittern. Gleich würde sie hier sein. SIE!
„Leider hat sich Cosmopolita verspätet. Aber ich habe eben mit Cosmo telefoniert, und sie hat mir versichert, dass sie so bald wie möglich hier sein wird.“ Diesmal brauchte er keine weiteren Anweisungen geben, als ein Stöhnen durch das Studio lief. Mein Herz sank, und mich durchlief eine Welle der Frustration, vermischt mit purem Hass auf diesen Gartenzwerg, der so vertraut mit ihr war, dass er meine wunderbare Cosmo mit erstem Namen ansprechen durfte.
„Stattdessen brauchen wir eine Hilfe aus dem Publikum. Wer meldet sich freiwillig, unseren Starköchen zur Hand gehen?“
Meine Hand flog nach oben. Das war eine Chance, die ich mir nicht entgehen lassen konnte. Wenn ich vorne auf der Bühne wäre, könnte ich direkt nach den Messern suchen.
„Da haben wir ja einige Freiwillige. Ich denke, die Dame in der ersten Reihe oder mein ganz persönlicher Freund.“ Er wies auf mich.
„Wen wollt ihr lieber haben?“ Applaus toste auf, und ich war schon am Aufspringen, als der Gartenzwerg rief.
„Gratuliere, meine Dame! Komm her!“ Ein Buh-konzert erscholl, aber die Kamera war schon ausgeschaltet.
„Wir haben für ihn geklatscht“, rief ein Mann in der ersten Reihe und andere nickten eifrig. Der Moderator winkte ab.
„Ja, ich lasse die Szenen nachher zusammenschneiden, damit es passt.“
„Wieso kann er nicht das machen?“
„Weil wir eine Frau auf der Bühne brauchen. Wenn wir schon zwei Männer als Köche haben.“
Ich knirschte mit den Zähnen. Ich hatte von Anfang an keine Chance gehabt. Es sei denn…
die junge Dame stolperte plötzlich und fiel hin. Sie stand gleich wieder auf, aber ihr Kleid zierte ein riesiger Fleck, und im Saum prangte ein langer Riss, der den Blick auf ihre Spitzenunterwäsche freigab. Der Moderator starrte.
„Na Gut, dann kommen Sie auf die Bühne“, brummte er in meine Richtung. „Aber wehe, Sie machen Ärger.“ Grinsend sprang ich die Treppe hinab. Was für ein Pech für die junge Frau! Das Gesetz, Menschen nicht zu beeinflussen galt nur für ihren Geist, nicht für ihre Absatzschuhe.

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