Mainhattanfiles: Die Küchenschlacht (6/8)

Zuletzt griff ich mir ein großes Badetuch, um das Berserkerschwert in die Tasche zu transferieren. Es handelte sich ja nur um eine Kopie. Trotzdem konnte ich Bösartigkeit und Zorn fühlen.
Ich hob die Tasche auf meinen Rücken und ging in die Garage hinunter. Als ich in Frankfurt angekommen war, hatte ich mir ein Fahrrad gekauft. Ein Auto war mir zu teuer gewesen, außerdem kam es mir wie die ideale Gelegenheit vor, abzunehmen und fitter zu werden. Das Fahrrad stand auf seinem Stellplatz, unberührt, so wie ich es vor drei Monaten abgestellt hatte. Ich kettete es los und schwor mir einmal mehr, ab sofort öfter zu fahren. Ab morgen! Ganz bestimmt!

Jetzt brauchte ich es, um den Spuren der Schwerter zu folgen. Der Spruch würde nur eine bestimmte Zeit halten, bis die Verbindung riss und die Schwerter sich in Spielzeug zurückverwandelten. Trotzdem musste ich eine Pause einlegen, als ich beim Rothschild ankam. Mann, war ich außer Form! Ich schnappte nach Luft, während ich die Hintertür der Küche beobachtete. Die Küche war trotz der späten Abendstunde noch geöffnet. Vor der Tür war niemand zu sehen. Wahrscheinlich war zu viel zu tun für eine schnelle Zigarettenpause. Ich wägte meine Möglichkeiten ab. Ich war mir ziemlich sicher, dass die Schwerter durch die Hintertür entwendet worden waren. Das hieß, in der Luft befanden sich die homöopathischen Rückstände der Messer. Sobald ich sie mit meinen Schwertern zusammen brächte, würden sie aufleuchten und mir den Weg zu den Originalen weisen. So weit, so unkompliziert. Das Problem war nur: Ich musste die Rückstände erst einmal aktivieren, quasi zünden, und das schaffte ich nur an einer Stelle, an der die Messer länger gelegen hatten und sich somit mehr Rückstände angesammelt hatten. Sollte ich warten, bis die Küche schloss? Aber dann würde ich riskieren, dass der Zauber vorher abbrach. Mit der Küche voller Leute den Zauber aktivieren ging auch nicht. Das würde jemandem auffallen, wenn sich plötzlich eine leuchtend grüne Spur durch ihrem Arbeitsplatz ziehen würde. Ich brauchte eine Ablenkung, etwas, das die Küche leeren würde. Vielleicht könnte ich die Löschanlage aktivieren? Ob mein Auftraggeber glücklich wäre, wenn er wüsste, dass ich im Begriff war, die Küche unter Wasser zu setzen? Es ließ sich nicht ändern. Ich suchte auf meinem Handy die Zippo-app, ein kleiner mobiler Feuerball, als ich aus den Augenwinkeln ein Licht aufglänzen sah. Ungläubig blickte ich auf die grüne Spur, die sich unter mir befand und hinter die nächste Ecke führte. Ich stand auf einem Stellplatz. Damit wusste ich zwei Dinge: Die Messer waren wirklich von diesem Platz entfernt worden. Von einem Auto, das genau an dieser Stelle geparkt hatten.

Als ich den Parkplatz verließ, begannen die Schwerter in der Tasche zu flackern wie eine defekte Glühbirne. Ich fluchte und trat kräftiger in die Pedale. Eigentlich wirkte das Ritual zwölf Stunden lang. Wahrschenlich lag es an den Plastikschwertern. Ich hätte doch Metall verwenden sollen. So wie es aussah, konnte ich froh sein, wenn die Spur nicht gleich wieder erlosch. Das konnte ich nicht zulassen. Das hier war meine einzige Spur. Wenn das nicht klappte, hätte ich die homöopathische Spur verblasen, und die Messer würden zufällig irgendwann wieder auftauchen. Oder gar nicht.

Die Straße führte bergan und mir brach der Schweiß aus. Hoffentlich befand sich das Versteck der Schwerter in der Nähe. Lange würde ich diese Geschwindigkeit nicht aushalten können. Dem Himmel sei Dank ging der Weg wenige Minuten später bergab und ich konnte das Rad rollen lassen. Die Spur glänzte schwach, aber deutlich. Um diese Zeit war nur noch wenig Verkehr auf den Straßen. Um die Menschen machte ich mir nur wenige Sorgen. Sie konnten die Spur zwar sehen, aber würden denken, ein Jugendlicher hätte die Straße mit Graffiti besprüht. Ich fuhr weiter. Die Wohnhäuser wurden abgelöst von dunklen Fabrikgebäuden. Die Spur flackerte stärker, wurde aber auch heller. Ich kam meiner Beute näher! Und dann… erlosch die Spur.
„Verdammt!“ Mein Schrei hallte durch die Nacht.
„Alles in Ordnung?“, kam völlig überraschend eine Antwort. Ich reckte meinen Hals und sah einige Leute vor einem weißen Gebäude stehen. Ich stieg von meinem Fahrrad ab und ging zu ihnen hinüber.
„Alles OK, Entschuldigung falls ich Sie erschreckt habe. Ich dachte, mein Reifen wäre geplatzt“, suchte ich nach der ersten Ausrede, die mir einfiel.
„Hast du dich verlaufen?“, fragte einer der Männer. Er trug eine lange blaue Hose, die die Menschen „Blaumann“ nannten.
„Genau. Ich wollte zu einer Party, und muss irgendwo falsch abgebogen sein.“
„Wo wolltest du denn hin?“
„Höchst“, nannte ich den ersten Namen, der mir einfiel. Die Männer lachten.
„Junge, da bist du ja ganz falsch. Fahr am besten zwei Kilometer zurück und dann an der Ampel rechts. Oder noch besser: nimm die Straßenbahn. Bei dem Wetter sollte man nicht Fahrrad fahren müssen.“
„Da haben Sie recht. Die Hitze ist ja nun Gott sei Dank abgeklungen. Dafür ist es schwül wie nur was. Ich bin froh, dass ich die Shorts angezogen hab.“
„Da beneide ich dich drum, Junge. Wir gehen bald ein in den langen Hosen. Und drinnen in der Halle ist es noch schlimmer.“ Der Mann wies hinter sich und nahm einen tiefen Schluck aus seiner Bierflasche.
„Warum zieht ihr dann lange Hosen an?“, fragte ich.
„Vorschrift. Wir bauen Kulissen auf. Als Handwerker musst du lange Klamotten tragen, sonst bist du nicht versichert.“
„Ich verstehe. Was baut ihr denn?“
„Morgen ist hier ´ne Fernsehshow. Die Küchenschlacht. Riesending. Sogar diese Fernsehschickse kommt. Cosmo oder so“, brummte der eine.
Ich verkniff mir ein Grinsen. Die Messer hatten mich zu dem Gebäude geführt, in dem die Küchenschlacht stattfand. Zehn zu eins, dass sich die Messer im Inneren befanden.
„Die Küchenschlacht?“, rief ich und riss die Augen auf. „Das ist ja großartig. Ich bin ein Riesenfan der Küchenschlacht.“
„Ja, meine Frau auch“, brummelte einer der Männer.
„Dürfte ich… ich meine, dürfte ich die Kulissen sehen? Das war schon immer ein Riesenwunsch von mir.“
Die Männer schüttelten bedauernd die Köpfe. „Leider nein. Wir dürfen niemanden reinlassen.“
„Ach, das ist aber schade.“ Ich verabschiedete mich, nicht zu sehr geknickt. Sollte ich warten, bis die Arbeiter abzogen und dann einbrechen? Unsinn! Ich wusste nun ja, wo die Schwerter waren. Und ich war mir ganz sicher, dass sie morgen im Laufe der Show auftauchen würden. Ich bräuchte also nur zu warten.

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