Mainhattanfiles: Die Küchenschlacht (5/8)

Miranda rief mich an, als ich gerade ins Büro zurück wollte. Ob ich wüsste, wo sich Paul versteckt. Heute wär doch das Seminar mit Anwesenheitspflicht. Das hatte ich völlig verschwitzt. Also ab an die Uni und den Rest des Tages mit meinem zweiten Leben verbringen. Natürlich überzog der Prof auch noch gnadenlos, so dass ich erst abends um Neun zuhause ankam. Ich war todmüde. Aber es half nichts. Arbeit war Arbeit.
Ich schlug meinen großen Teppich zurück und zeichnete mit einem Stück Kreide einen magischen Kreis auf den Boden. In den Filmen sieht man ja immer so ganz tolle und komplizierte Kreise, mit Pentagrammen, tropfenden Kerzen und magischen Runen. Wer will, kann das natürlich machen, aber nötig ist es nicht.

Der Kreis muss nur geschlossen sein, das ist das Entscheidende. Entsprechend sorgfältig zeichnete ich die Linie des Kreises. Kurz bevor ich ihn schloss, griff ich in meine Tasche und warf die Gegenstände aus Dorians Schublade in den Kreis. Sie klapperten und blieben liegen. Ich zögerte. Ich hatte ein Modell der Messer gebraucht, etwas, was dem Original glich. Natürlich hatte ich keine sechs Messer im Haus, also hatte ich stattdessen Legoschwerter genommen. Die benutzten wir normalerweise in der Rollenspielrunde, um Schlachten nachzustellen.
Als ich sie mir gegriffen hatte, war es mir wie eine gute Idee vorgekommen. Schließlich kam es nicht auf besondere Gegenstände an. Es kam drauf an, dass sie dem eigentlichen Objekt ähnelten und sich mit der Energie der Gegenstände am Platz aufladen konnten. Dabei spielte es keine Rolle, dass die Gegenstände in dem Moment nicht am Platz waren. Ihre Erinnerung genügte. Es funktionierte, aber keiner wusste warum, und keiner traute sich, danach zu fragen. Homöopathische Magie nannte Ellie das.
Trotzdem war ich mir nicht sicher, ob ich nicht doch zu wenig investiert hatte. Die Schwerter hatten eine ähnliche Form und wurden von den Legomännern – und Frauen sicher für den gleichen Zweck genutzt. Aber sie waren nicht einmal aus Metall.
Nun, jetzt ließ es sich nicht mehr ändern. Mit einem Schwung schloss ich den Kreis. Das Innere begann, sanft zu glühen. Nein, eigentlich war es mehr ein Glimmen, zu schwach für das, was ich vorhatte. Ich hastete zu meinem Handy und suchte hastig nach einem Spruch, der mir helfen würde, die Magie in Gang zu bringen. Unsichtbarkeit? Teleportation? Nein, das half mir alles nicht. War das Glühen schwächer geworden? Wenn es erlosch, könnte ich von vorne anfangen. Und es gab wohl keine Chance, noch einmal in die Küche des Hotels eindringen zu können.
Ich tippte etwas an und fluchte. Das war kein Zauber, das war ein blödes Pokemonspiel, das Mandela mir installiert hatte.
„Schwerter, Ich choose you!“, murmelte ich und riss die Augen auf, als der Kreis, äh, Ballon vor mir hell aufflackerte. In seinem Inneren wuchsen die Schwerter, veränderten ihre Form, und dann lagen fünf Küchenmesser vor mir.
Natürlich waren es nicht die echten Messer. Der grüne Schein, der die Klingen flackernd umgab, zeigte, dass es sich um Illusionen handelte. Das einzig Echte waren die kleinen Plastikstücke in ihrem Kern. Doch die Illusionen hatte die Form der Messer, und das bewies, dass eine Verbindung zu den echten Gegenständen bestand.
Das grüne Leuchten wurde stärker, pulsierte im Takt mit meinem Herzschlag, bis es den gesamten magischen Kreis ausfüllte. Ich ging zum Kühlschrank und goss mir eine Cola ein. Das gehörte nicht zum Ritual, aber ich war durstig. Als ich ausgetrunken hatte, hatte der grüne Schein zu pulsieren aufgehört. Der Zauber war stabil. Oder so stabil, wie er werden würde. Ich hob den Fuß und mit einem entschlossenen Tritt meines Stiefels unterbrach ich den Kreidekreis. Das grüne Licht, das bisher im Inneren des Kreis gefangen gewesen war, brach aus und füllte mein Zimmer aus. Ich griff nach den Messern. Sie fühlten sich unwirklich an, als griffe ich durch Schaumstoff. Trotzdem achtete ich darauf, nicht in die Schneiden zu fassen. Das größte Messer, das Rindfleischmesser, war so groß wie eine Machete. Doch das Messer war es nicht, was mich zögern ließ. Dies war dem anderen Messer vorbehalten, einem kleineren, mit schwarzen Runen überzogenen Messer. Das Berserkerschwert!
Ich verstaute die anderen Messer in meiner Sporttasche, bis nur noch das Berserkschwert in dem Kreis zurückblieb. Mich innerlich stählend näherte ich mich dem Phantom des Berserkerschwerts. Meine Hand streckte sich in die Richtung aus, und von ferne hörte ich die ersten Töne einer Wagneroper. War ich als Magier gegen eine solche mystische Klinge geschützt? Ich konnte mich plötzlich nicht mehr erinnern. Ach, zur Hölle. Mein Hand schloss sich um das Schwert. Die Musik wurde lauter, hinter mir bemerkte ich eine Bewegung und…
„Miranda! Du hast mich zu Tode erschreckt!“ Meine Kommilitonin stand in der Tür, die Augen aufgerissen.
„Entschuldige, Paul. Ich dachte, du wärst nicht da“, sagte sie und ließ ihr Handy sinken. Natürlich, Miranda hatte ja Wagner als Klingelton.
„Was machst du hier?“, fragte ich.
„Ich wollte mein Buch abholen. Du sagtest, du hättest es hier liegen, und ich war eh grad in der Gegend. Da dachte ich, ich komme kurz vorbei.“
„Und wie bist du reingekommen?“
„Die Tür stand offen. Ehrlich, Paul, du solltest dir echt angewöhnen, abzusperren.“
„Sorry!“
Ich sah mich hastig nach Mirandas Buch um, bevor sie Verdacht schöpfte. Aber es war schon zu spät.
„Paul, warum hast du da Kreide auf deinem Boden verschmiert?“
„Äh…“
„Lass mich raten: In unserer nächsten Rollenspielrunde geht es um Beschwörungen und du wolltest das in Echt ausprobieren.“
„Ja, genau!“, stimmte ich sofort erleichtert zu. Auf diese Ausrede wäre ich selbst niemals gekommen.
„Naja, das solltest du aber noch mal üben. Das sieht eher aus wie ein Ei. Und warum hast du dann dein Laserschwert darin liegen?“, fragte Miranda und griff nach dem Berserkerschwert, das unheilvoll glühend in der Mitte lag.
„Fass das nicht an!“, schrie ich erschrocken. Miranda zuckte zurück.
„Wirklich jetzt? Ich weiß, dass Mandela da komisch ist und mich seine Würfel nie anfassen lässt, weil das angeblich Unglück bringt. Aber dich hätte ich anders eingeschätzt.“
„Es ist nur, äh, nur meine Star Wars Sachen. Da bin ich eigen, weißt du. Mein Schwert lass ich niemanden anfassen.“
„Als ob das jemand wollte…“, murmelte Miranda zweideutig.
„Was meinst du?“
„Ach nichts. Also, wo ist mein Buch?“
Ich sah es zwischen meinen Klamotten auf dem Regal liegen und gab es ihr hastig.
„Dann mal viel Spaß mit deinem Ei und deinem Schwert, Sigmund Freud“, sagte sie zum Abschied. Ich hatte keine Ahnung, wovon sie sprach. Wahrscheinlich spielte sie auf einen großen Helden an. Sigmund, das klang schließlich wie ein Held aus den germanischen Sagen.

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