Mainhattanfiles: Die Küchenschlacht (4/8)

Natürlich verfügten wir auch auf Avalon über Küchen. Irgendwoher musste das Essen ja kommen. Aber bevor ich nach Frankfurt gekommen war, hätte ich die Male, in denen ich eine Küche betreten hatte, an einer Hand abzählen können. Zuhause war sie das Reich der Bediensteten und Sklaven, und ich war nur zweimal in der Küche gewesen, beide Male wegen Wetten mit meinen Schwestern. Ich wusste also nicht so recht, was mich erwartete, und auf die Küche im Rothschild war ich absolut nicht vorbereitet.
Was ich sah, als ich die Küche betrat, war – in erster Linie mich selbst. Jede Oberfläche, von den blitzblanken Töpfen bis zu den silbrigen Kühlschranktüren, reflektierte meine Gestalt, warf mein Gesicht dutzendfach zurück. Gut, dass ich meine Illusion trug. Ich mag mein eigentliches Aussehen sowieso schon nicht, da brauche ich kein Horrorspiegelkabinett, das mich dran erinnert.
„Schlimm, nicht?“, fragte Grau mit uncharakteristischer Anteilnahme. Ich zuckte mit den Schultern. Für viele Leute sind Küchen der Inbegriff der Betriebsamkeit und der Gemütlichkeit, aber ich hatte diese sentimentale Begeisterung nie geteilt. Die Küche meiner Familie war dunkel, unangenehm. Hier herrschte, unausgesprochen und unangefochten, die Köchin, eine herrische und kalte Frau, die ihre wenigen Funken Zuneigung in ihre Torten einfließen ließ, und für nichts und niemanden ein gutes Wort übrig hatte. Miranda hatte mir mal ein Buch geliehen, in dem der Protagonist, ein talentierter Magier, Wärme und Liebe bei der Köchin findet. Ich gab ihr das Buch zurück mit dem Vermerk, die Handlung sei mir zu unrealistisch. ‚Deswegen nennt man es ja Fantasy‘ hatte mir Miranda vorgehalten. Sie dachte, ich spräche von der Magie.
Dorian Grau führte mich zu seinem Arbeitsplatz, ein Küchenbereich mit einer großen Arbeitsplatte und einem gasbetriebenen Herd mit sechs Flammen.
„Haben Sie einen bestimmten Platz, an dem Sie ihre Messer aufbewahren?“; fragte ich.
„Natürlich.“ Er öffnete eine Schublade: leer!
„Hier verwahre ich die Messer über Nacht.“
„Sehr gut!“ Ich griff in meine Hosentasche und zog die Gegenstände heraus, die ich von Zuhause mitgebracht hatte.
Grau runzelte die Stirn. „Was soll das denn? Ist das Spielzeug?“
„Vertrauen Sie mir! Ich benötige diese Gegenstände für ein Ritual.“
„Nun…“ Grau sah skeptisch aus. „Wenn Sie meinen…“
„War es nicht so, dass Vampire nicht zwischen zwei Spiegel treten können?“, fragte ich, um ihn abzulenken.
Grau grinste. „Nein, das sind die Hexen, und das ist nur ein Gerücht.“
„Dann habe ich das verwechselt. Ich hatte etwas im Gedächtnis mit Vampiren und Spiegeln.“
Grau nickte. „Vampire werfen in Spiegeln kein Spiegelbild?“
„Genau, das war es. Ist das auch ein Gerücht?“
„Leider nein. Das stimmt. Tja, in der guten, alten Zeit bestand die Küche aus gutem Gusseisen, dunkles Metall, das stark war und in dem wir nicht entdeckt wurden. Außerdem hatte es den Vorteil, dass das Metall Elfen fernhielt.“
„Was ist passiert?“ Ich bereute die Frage sofort.
„Was wohl? Die Römer natürlich! Sie ertrugen es nicht, dass wir in irgendeinem Bereich brillierten. Also erfanden sie diese neuen Küchen, wo alles Chrom und Glas ist, um uns zu vertreiben.“
„Also, das klingt jetzt aber sehr unglaubwürdig für mich“, protestierte ich.
„Denken Sie? HA!“, spuckte der Vampir. „Wir Vampire waren einmal die größten Modeschöpfer aller Zeiten. Wir dienten am Hof des Sonnenkönigs, Elisabeth der Ersten. Mein Vater schneiderte alle Kostüme für Shakespeares Stücke.“
„Sie meinen, wenn ein Theater Shakespeares Stücke aufführte?“, fragte ich.
„Ich meine, wenn Shakespeare ein neues Stück aufführte. Alle Kostüme im Globe Theatre stammten von meinem Vater. Aber natürlich, natürlich waren die Römer eifersüchtig. Wie sollte es auch anders sein? Also setzten sie auf Spiegel. Überall Spiegel! Heute kann man nicht mehr Mode schaffen, ohne tausende von Spiegeln.“
„Wie können Sie dann in der Küche arbeiten?“ Ich wies auf die große Pfanne an der Wand, die unsere Schemen wiedergab. Der Umriss des Vampirs war undeutlich und verschwommen, genau wie meiner, aber er war eindeutig da.
„Wir haben einen Trick gefunden. Unsere Haut wird reflektiert, wenn wir etwas darauf auftragen. Creme. Gel für die Haare. Haben Sie sich nie gefragt, warum alle Technoleute Haargel verwenden? Das ist, damit das Vampirhaar im Spiegel sichtbar wird.“
„Und die Kleidung?“
Gray zuckte mit den Schultern. „Naturfasern sind unsichtbar, Kunstfasern seltsamerweise sichtbar. Das einzige Problem war, dass Kochschürzen immer aus Baumwolle bestehen. War ein ziemliches Theater, die Chefin davon zu überzeugen, dass ich gegen Baumwolle allergisch bin, aber mit dem Kunstfasergemisch ist es kein Problem mehr.“
„Und damit werden Sie in einem Spiegel sichtbar?“
Grau schüttelte den Kopf. „Nicht in einem Spiegel. Meine Umrisse sind immer noch verwaschen und verschwommen, aber in einer Pfanne kann ich mich spiegeln, ohne dass den Menschen der Unterschied auffällt.“
Ich nickte. So klang es logisch. Dann fiel mir etwas ein.
„Sagen Sie, der Modedesigner, der mit dem vielen Make-Up… und den Augenbrauen…“ Grau hob die Hand.
„Wenn Sie sie nicht selbst erkennen, verrate ich nichts. Aber ich finde, wir sind nicht zu übersehen.“ Ich dachte für eine Sekunde nach und nickte dann. Jetzt, wo ich mit der Nase darauf gestoßen wurde, musste ich ihm recht geben.

„Können Sie mir einen Überblick geben, wie die Abläufe hier in der Küche sind? Wer hat alles Zutritt? Wann sind die Schichtwechsel? Haben Sie…“
„Was machst du Aufschneider in meiner Küche?“, kam eine tiefe Stimme von der Tür her. Wir fuhren herum. In der Tür stand ein Mann und starrte uns feindselig an. Nun eilte er auf uns zu, seine erhobenen Hände erinnerten mich an Krallen, die sich in ihr Opfer schlagen würden. Mit der Hakennase sah der Mann wirklich aus wie ein Geier. Ein schlechtgelaunter Geier.
Grau entblößte seine Zähne und zischte leise. Jemand drängte sich an mir vorbei.
„Sorry, Raucherpause!“, murmelte die Frau, eine der Aushilfen, und verschwand durch die Hintertür nach draußen, gefolgt von den übrigen Angestellten. Ich erwog spontan, auch mit dem Rauchen anzufangen. Oh, es war schädlich für die Gesundheit, auch für einen Magier. Aber nicht so gefährlich, wie zwischen einen Römer und einen Vampir zu geraten.
„Was heißt hier: deine Küche? Das ist meine Küche. Geh zurück in deine Schmierenkneipe!“
„Du nennst das Hilton Schmierenkneipe? Das beweist nur einmal mehr, wie wenig Ahnung du von den Feinheiten von la Nuovo Cuccina hast“, schoss der Römer zurück.
„Ha, jetzt weiß ich es! Verbrecher kehren immer an den Ort des Verbrechens zurück“, kreischte der Vampir.
„Wenn du als Verbrechen meinst, was du den armen Heilbuttfilets antust, dann ist das eine akkurate Einschätzung.“
„Stell dich nicht dumm! Du weißt, was ich meine.“
„Nein, keine Ahnung!“ Der Mann grinste unverschämt. Gray stürzte auf ihn zu.
„Meine Messer, du Pastaverkocher! Du hast meine Messer gestohlen!“
Ich hätte den Römer gerne selbst konfrontiert, aber das hatte mir mein Klient ja nun abgenommen. Deswegen achtete ich ganz genau auf dessen Gesicht. Überraschung überflog sein Gesicht, abgelöst von Großspurigkeit.
„Deine Messer? Die hast du Aushilfsfledermaus wahrscheinlich nur irgendwo in deinem Sarg verbummelt.“
„Wie kannst du es wagen! Du bist nur neidisch.“
„Meine Kunst habe ich mir selbst erarbeitet, statt mich auf irgendwelche Messer zu verlassen.“
„Du hast ja keine Ahnung, wie wichtig gute Messer sind. Weil du Stümper gutes Küchengerät nicht mal erkennst, wenn es dir eine Scheibe von deinem fetten Hintern abschneidest.“
„Nun, ich habe keine Zeit mehr, mich mit dir abzugeben. Wo ist Sissys Büro?“
„Für dich heißt das ‚Frau Kaiser‘!“
„Aber nicht mehr, wenn wir so eng zusammenarbeiten.“
„In deinen Träumen vielleicht.“
„In der Tat träume ich seit Jahren von der Stelle als Chefkoch. Und heute wird mein Traum in Erfüllung gehen.“
„Was, was meinst du?“
„Die Stelle als Küchenchef natürlich!“
„Aber…“, Grau erbleichte, eine echte Herausforderung für einen Vampir, „für die habe ich mich doch beworben.“
„Tja…. Träume haben darf man ja schließlich.“

Dorian taumelte einen Schritt zurück, als hätte man ihn geschlagen. „Das würde Sissy nie machen!“, stotterte er.
„Das denkst du? Die haben dich doch sowieso von Anfang an nur aus Mitleid angestellt, glaubst du echt, du Suppenkoch hättest eine Chance auf den Posten des Chefkochs?“
„Ich bin in dieser Küche der beste Koch. Mit Abstand! Wenn ihr verdammten Römer es mir nicht immer so schwer machen würdet…“
„Jetzt hör schon auf mit deinen Verschwörungstheorien. Das ist ja schon fast peinlich! Du bist Mittelklasse, wie alle Mitglieder deiner Rasse. Ihr seit veraltet, unmodern. Und genauso schmeckt auch deine Küche.“
„Das denkst du, weil du von guter Küche keine Ahnung hast. Du denkst, gute Küche ist, einen Liter Olivenöl überall drüber zu kippen.“
„Herr Octavio, was machen Sie denn hier?“, kam eine Stimme von der Tür. Eine Dame Mitte Vierzig stand in Türrahmen
„Frau Kaiser, vielen Dank, dass Sie sich Zeit für mich nehmen!“
Sie musterte den Römer kühl. „Ich habe Sie in meinem Büro erwartet.“
„Bin ich etwa zu spät? Da wäre ich ja untröstlich! Eine schöne Frau warten zu lassen, das geht ja gar nicht.“
Ich wechselte einen Blick mit Dorian und drehte die Augen gen Himmel. Boah, wenn der Typ seine Sülzkanone noch weiter aufdrehte, würde er wohl gleich anfangen, Balladen von Eros Ramazotti zu schmettern.
„Sich als nicht befugte Person in einem Küchenbereich aufzuhalten. DAS geht überhaupt nicht!“ Die Sülzkanone traf auf Eis.
„Ich bin untröstlich. Aber die Küche hier, die Hintertür stand offen, und ich konnte einfach nicht widerstehen. Diese Küche, müssen Sie wissen, war der Grund, warum ich Koch geworden bin.“
„Und weil dein Vater dich enterbt hat“, grummelte Dorian so leise, dass nur ich, der ich direkt neben ihm stand, und der Römer mit seinem übermenschlichen Gehör ihn verstand. Octavio wurde feuerrot, sagte aber nichts.
„Können wir dann endlich in mein Büro gehen?“, fragte Sissy Kaiser, das Geschwafel wieder überhörend. Ich hätte sie küssen können.
„Und wer sind Sie?“
Es dauerte einige Sekunden, bis ich verstand, dass sie mich meinte.
„Äh, die neue Aushilfe?“, versuchte ich es. Sie glaubte mir kein Wort.
„Alle Aushilfen werden von mir persönlich ausgesucht und angestellt. Sie gehören nicht dazu.“
„Na ja, wissen Sie, Roberto war heute morgen verspätet, und …“
„ … und da hat er Sie geschickt? So geht das nicht. Hier darf nicht jeder einfach hinein.“
„Sie haben sicher recht, aber … “
„Bitte verlassen Sie unverzüglich meine Küche. Und Herr Octavio, in mein Büro bitte!“ Ich warf einen Blick auf die Uhr.
Ich hatte die Stücke, die ich für das Ritual brauchte, erst vor sieben Minuten in der Schublade platziert. Aber mir blieb keine Wahl. Niemand anderes durfte sie anfassen, schon gar nicht jemand mit einer so starken Aura wie der uralte Vampir. Als Cesar Frau Kaiser mit einer Frage ablenkte, griff ich schnell in die Schublade und machte dann, dass ich weg kam.

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2 Gedanken zu „Mainhattanfiles: Die Küchenschlacht (4/8)

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