Mainhattanfiles: Die Küchenschlacht (1/8)

„Atemlooos durch die Nacht“, klang es durch die Straßenbahn. Gefühlt hatten ich und Hattie Monate in der Dämonendimension verbracht, während in Frankfurt lediglich drei Wochen vergangen waren. Nicht genug Zeit um einen anderen Ohrwurm in die Charts zu schieben.
Ein Lächeln überflog mein Gesicht. Was machte es, wenn die Musik meines Sitznachbars nicht meinem Geschmack entsprach? Die Erde war gerettet, die entsetzliche Hitzewelle gebrochen und Hattie und ich waren als strahlende Helden heimgekehrt. Eigentlich müsste für uns ein Siegesfest gefeiert werden. Die Leute müssten in den Straßen tanzen. Ich blickte mich um und in missmutige Gesichter. Die sahen nicht aus, als wollten sie tanzen, eher als würden sie in der überfüllten Bahn gleich in Tränen ausbrechen.
„Na, das war´s dann wohl mit dem Sommer“, sagte jemand neben mir.
„Was meinen Sie?“
„Na, das Sauwetter da draußen.“ Sie wies auf die Scheibe, über die das Wasser lief.
„Aber – letzte Woche war es noch zu heiß“, protestierte ich.
„Ja“, mischte sich ein Mann ein, der neben unserem Platz stand. „Letzte Woche zu heiß, jetzt Regen. Das Wetter ist total im Eimer.“
„Ganz genau“, stimmte die Frau zu. „Es gibt einfach kein anständiges Wetter mehr.“
„Was wäre denn anständiges Wetter?“, fragte ich.
„Na, normales Wetter“, sagte der Mann wie selbstverständlich.
Ich gab es auf. An einem Tag briet man bei lebendigem Leibe, am nächsten beschwerte man sich über die Kälte. Ich war wieder in Frankfurt.

Der Regen klatschte in mein Gesicht, als sich die Türen der Straßenbahn öffneten. Ich hastete zu dem Gebäude, in dem sich mein Büro befand. Als ich es erreichte, tropfte ich und jeder Faden meiner Kleidung war durchnässt.
Das Gebäude stammte aus den Sechzigern und hatte sicher schon bessere Tage gesehen. Trotzdem beschäftigte die Gebäudeverwaltung eine Empfangsdame, die ihre Tage mit Telefonieren und Nägelfeilen verbrachte. Als ich das Foyer betrat, nickte sie mir müde zu. Ich war wohl nicht der erste, der in dem Aufzug hereingeweht kam.
„Guten Morgen, Herr Krause. Schlimmes Wetter, was?“
Ich murmelte etwas Zustimmendes und ging an ihr vorbei zum Aufzug.
„Ihre Sekretärin ist übrigens schon da“, fügte sie hinzu als ich schon fast vorbei war. Ich blieb stehen.
„Wirklich? Wie spät ist es?“
Sie blickte zur Uhr. „Neun Uhr zehn.“ Ich unterdrückte einen Fluch und bestieg stattdessen den Fahrstuhl, während meine Gedanken rasten. Ich hatte vor Hapseptut im Büro sein wollen, mich in Ruhe auf sie vorbereiten. Aber um für sie gewappnet zu sein, müsste ich wohl noch früher aufstehen; oder besser erst gar nicht ins Bett gehen.

Hattie blickte vom Schreibtisch auf, als ich durch die Tür trat. Von meinem Schreibtisch!
„Oh, guten Morgen. Hat der Wind in die richtige Richtung geblasen?”, sagte sie mit einem breiten Grinsen.
Ich richtete mich zu meiner vollen Größe auf. Hattie glich einem Hai: Zeig keine Angst, lass sie dein Blut nicht sehen, sonst bist du verloren! Sie hatte mich jetzt oft genug an die Wand gespielt. Das würde mir heute nicht noch einmal passieren. Ich war Magier, Angehöriger der Crowley Familie, und wir forderten Respekt! Ich wünschte nur, mir würde das verdammte Wasser nicht die ganze Zeit in den Nacken laufen!
„Schon so früh da?”, brummte ich.
Sie lachte. „Früh? Mein Lieber, mein Tag beginnt für gewöhnlich um fünf. Als ich aufstand, ging gerade die Sonne auf.”
„Die Sonne scheint sich heute nicht blicken zu lassen“, brummte ich.
„Dann musst du deine eigene Sonne machen“, sagte sie mit einem Lächeln so warm wie ein Sonnenaufgang. Sie trug ein rotes, tief ausgeschnittenes Kleid, das an jeder anderen Frau nur nuttig gewirkt hätte, aber an ihr hinreißend aussah. Ich suchte nach einer Illusion, fand aber keine. Entweder ihre Illusionen waren so gut, dass ich sie nicht aufspüren konnte, oder sie sah wirklich so verdammt gut aus.
„Reiß dich zusammen, Tom“, ermahnte ich mich, „die Frau ist ein paar tausend Jahre alt. Ihr Aussehen ist garantiert eine Illusion. Du bist mit Illusionen in deinem Haus aufgewachsen. Du solltest darüber hinweg sein.“ Erinnerungen an einige peinliche Zusammentreffen mit meinen Schwestern fielen mir ein. Ich blickte hinunter auf den Schreibtisch.
„Was tust du?”, fragte ich.
„Ich sichte gerade deine Papiere. Mein Junge, das war ein noch größeres Durcheinander, als ich angenommen hatte. Wie hast du das nur in so kurzer Zeit geschafft?”
„Eines meiner besonderen Talente. Wenn du mich kurz entschuldigen würdest. Ich möchte mich umziehen.”
Ich marschierte zu der Tür auf der Rückseite des Büros und betrat den kleinen Raum dahinter. Bonbonfarbene Pferde grinsten mich von der Tapete an. Früher war mein Büro Teil eines Schicksenappartments gewesen, zu dem auch ein begehbarer Kleiderschrank gehört hatte. Heute nutzte ich den zusätzlichen Raum als Lagerfläche für Akten und Büromaterial.
„Ich muss das Ding endlich neu streichen”, dachte ich und bemühte mich, die Pferde im Auge zu behalten. Sie sollten niedlich wirken, aber ich sah nur viele Zähne. Ich traue prinzipiell keinen gutgelaunten Pferden. Die planen was!
Am besten schnellstmöglich wieder raus hier! Ich zückte mein Handy, das seit Ende der Hitzewelle wieder tadellos lief, und suchte nach dem Spruch, um meine Kleidung zu trocknen. „Keine Verbindung!“ leuchtete in großen, beunruhigend gelben Lettern auf dem Display. Ich ging zur Tür, legte das Handy auf den Boden, hob es wieder auf, ging langsam durch den Raum auf der Suche nach einer Netzverbindung. Keine Chance! Schließlich gab ich es auf. Vorsichtig öffnete ich die Tür, hoffend, dass Hattie mich nicht bemerkte.
„Hast du was vergessen?”, fragte sie und sah von den Papierstapeln auf.
Natürlich hatte sie mich bemerkt.
„Ich muss runter, die Post holen”, murmelte ich.
„Soll ich das nicht machen? Schließlich bin ich deine Sekretärin”, antwortete Hattie.
„Ja, warum nicht?”, sagte ich. Sie sah mich überrascht an, stand aber auf und verließ das Büro. Ohne weiter nachzudenken, lud ich die App und startete den Spruch.
„Frankfurt, zehn Uhr, die Frisur sitzt. Drei-Wetter-Magie”, intonierte ich. Aus dem Nichts kam ein Wind auf und griff in meine Kleider, jeden Tropfen Wasser herauspressend. Nach wenigen Sekunden war ich trocken. Zufrieden senkte ich die Arme.
„Die Post war noch nicht da gewesen, und…” Hattie brach mitten im Satz ab. In meinem Büro sah es aus, als hätte es geschneit. Mein Miniaturwirbelsturm hatte das Zimmer völlig verwüstet, die Papiere durcheinander gewirbelt und gleichmäßig auf alle Oberflächen verteilt.
„Äh, hattest du schon angefangen mit dem Sortieren?”, fragte ich und hörte meinen Stimme quietschen als wäre ich elf Jahre alt.
„Das hatte ich.” Ihr Ton jagte mir einen Schauder über den Rücken.
„Ich helfe dir”, rief ich und bückte mich, um die Sachen aufzuheben. Das Prospekt und…
„Lass die Finger von den Zetteln!”, befahl Hattie scharf. „Du hast hier genug Unheil angerichtet. Ich habe das gleich wieder in Ordnung.”
„Wieder?”
„Ich war fertig.”
„Fertig mit meinen Papieren?“ Ich konnte es nicht fassen.
„Ja!“
„Aber- wann bist du gekommen?”
„Vor einer halben Stunde.”
„Du hast in einer halben Stunde meine gesamten Papiere sortiert?” Ich kannte Geschichten, wie Hapseptut alleine die Römer aus Ägypten vertrieb, wie sie in den schwer bewachten Palast des Maharadscha von Hasafstan einstieg und wie sie Merlin aus König Arthurs Gefängnis befreite. Doch dies hier erschien mir unglaublicher als all diese Geschichten.

„Natürlich!”, war die einfache Antwort.
„Aber wie ist das möglich?”
„Konzentration und effektives Arbeiten.“
„Wow – das ist beeindruckend. Dann bin ich ja mal gespannt, wann du mir meinen ersten Klienten bringst.”
„In einer Viertelstunde.”

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