Mainhattanfiles: Monster und Monster

Der Frankfurter Zoo gehört weltweit zu den größten und bekanntesten Zoos. Tausende Besucher bahnen sich täglich ihren Weg an den Gehegen vorbei und bestaunen Pinguine, Orang Utans und Sumatratiger. Die größte Attraktion in diesem Jahr stellte aber wohl der Dimensionswirbel dar, der sich mitten im Zoo bildete. Normalerweise hätten Magier diesen Anblick vor den normalen Menschen abgeschirmt, aber es waren Keine auf dieser Seite des Tores, und die beiden Magier, die von der anderen Seite kamen, hatten alle Hände voll mit verfolgenden Dämonen und Irbissen zu tun, als dass sie einen Gedanken auf die Tarnung verschwendet hätten.

Glücklicherweise öffnete sich das Dimensionstor gleichzeitig mit den Eingangstoren des Zoos, und der einzige, der den Anblick zu sehen bekam, war der neunzehnjährige Praktikant.

Jan saß mit geschlossenen Augen auf der Bank. Vor ihm stand ein Eimer mit Fischen, hinter ihm protestierten lautstark die Robben, die ihr Frühstück schon vor sich sahen, es aber nicht erreichen konnten. Jan war das egal. Sein Kopf fühlte sich hohl und schwer an. Die zweite Flasche Korn gestern musste schlecht gewesen sein.

Er hatte die auch gar nicht trinken wollen. Daran waren nur diese verdammten Gutmenschen schuld! Er hatte mit seinen Kumpels einen trinken wollen und danach ein bisschen die Stadt aufmischen. Nichts schlimmes, nur ein paar Asylanten erschrecken. Aber dann war alles schief gegangen. Die Leute vor dem Asylantenheim hatten ihn beschimpft, und eine alte Oma hatte ihn sogar mit einem Kohlkopf beworfen. Als dann noch die Polizei angerückt war, war er lieber abgehauen. Er war der einzige der Gruppe, der denen entkommen war, und entsprechend stand ihm auch die ganze Schnapsflasche zu.

Das Morgengrauen heute Morgen hatte ihn entsprechend grausam getroffen, aber nicht so grausam wie seine Mutter, die ihn rücksichtslos aus dem Bett getrieben hatte. „Wer saufen kann, kann auch arbeiten“, hatte sie gesagt und ihn unter die Dusche gehetzt. Sie behandelte ihn immer noch wie ein Kind. Dabei war er volljährig und konnte wohl selbst entscheiden, an welchen Tagen er zur Arbeit konnte und an welchen er sich zu schlecht dafür fühlte.

„Aber nicht, so lang du noch bei uns wohnst!“ Und damit war die Diskussion beendet gewesen.

Und deswegen musste Jan jetzt hier sitzen, mit rasenden Kopfschmerzen. Dafür sollte jemand büßen.

Jan stand auf, griff sich einen der widerlichen Fische aus dem Eimer und schlenderte zu den Robben hinüber.

„Könnt ihr nicht ruhig sein?“ Die Tiere verstummten. Jeder einzelne Robbenkopf folgte Jans rechter Hand und dem Fisch darin. Die Robben legten die Köpfe schief und versuchten, besonders niedlich auszusehen.

„Ach so ist das! Auf einmal macht ihr auf freundlich? Verfluchtes Bettlerpack!“, keifte Jan. Er hob seine Hand und ließ den Fisch über dem Bassin schweben. Ein großes elegantes Weibchen kam herangeschwommen und schnappte nach dem Fisch. Jan zog seine Hand zurück.

„Ooooh, hab ich dir den Fischi geklaut?“, fragte Jan mit falschen Lächeln. Die Tiere wurden nervös. Sehr gut! Jan hob die Hand und tat, als würde er den Fisch werfen, behielt ihn aber in der Hand. Die Tiere reagierten nicht. Diesen Trick hatte er in den letzten Tagen zu oft verwendet, als dass sie darauf hereinfielen.

Eine Robbe kam auf ihn zugeschossen und drehte in letzter Sekunde ab. Dabei stieß sie mit einem dösenden Männchen zusammen, das sofort hochfuhr und nach dem Störenfried biss. Ein Jungtier geriet zwischen die beiden Streithähne und quiekte, als der große Bulle es am Hintern erwischte. Im nächsten Augenblick fuhr seine Mutter dazwischen und ging voll Mutterwut auf die Bullen los. Jan griff in seine Tasche und zog ein Bier hervor, während er das Schauspiel genoss. So mochte er die Tiere, schnell und kämpfend!

Immer war er unter den Verlierern gewesen, sei es unter seinen Geschwistern, die für den jüngsten Idiotenbruder nichts übrig hatten, sei es in der Schule, wo die Lehrer ihn behandelten als sei er zurückgeblieben. Aber das hier machte richtig Spaß. Vielleicht sollte er ein paar Pinguinküken rüberschmuggeln und die Robben jagen lassen.

Aus den Augenwinkeln sah Jan ein seltsames Licht aufleuchten. Er schaute nach oben und blickte geradewegs in ein Loch im Himmel. Seine Schwärze schien ihn anzuziehen, mit sich zu reißen. Jan rettete sich mit einem gewaltigen Sprung und einem dicken Platscher ins Becken. Prustend kam er an die Oberfläche und sah sich von den Robben umringt. Sie verstanden genau, wen ihnen das Schicksal da ins Bassin geworfen hatte. Ihre Gesichter verzogen sich zu einem Grinsen – einem Grinsen mit vielen, spitzen Zähnen.

*****

„Hörst du das Schreien, Hattie?“, fragte ich und schüttelte den Kopf, um das Summen daraus zu vertreiben. Die Geräusche der Schreckensdimension hingen immer noch in meinem Hirn fest, und ich würde sie wohl noch lange hören- in meinen Alpträumen.

Hattie zuckte mit den Schultern. „Wir sind in Sicherheit, Paul, so sehr, wie man halt als Magier in Sicherheit sein kann.“

Ich entspannte mich. Zum ersten Mal seit wir durch das Tor getreten waren, musste ich nicht auf der Hut sein.

„Denkst du, wir haben es geschafft?“, fragte ich dann. Ein Wassertropfen traf meine Nase. Im nächsten Moment pladderte ein Gewitterregen auf uns hinab.

„Das beantwortet wohl deine Frage. Wir haben es geschafft. Die Hitzewelle ist gebrochen.“

Ich atmete auf. „Das möchte ich nie mehr erleben. Allein wie der…“ Ich brach ab. Was hatte ich sagen wollen?

„Du warst aber auch grandios“, fuhr ich nach einer Sekunde fort, ohne mein Unbehagen zu beachten. „Wie du den…“

„Was wolltest du sagen?“

„Wieso? Ich wollte nichts sagen!“, schnappte ich irritiert. Dann bemerkte ich Hatties Blick, der mich mit einer Mischung aus Sorge und Belustigung musterte.

„Sag mal, hast du schon mal was vom Kuhlhutzer Spruch gehört?“, fragte sie dann.

„Dem was?“

„Dachte ich mir. Also mein Lieber: Dein Gehirn wird in der Dimension komplett überhitzt. Du vergisst alles, was in der Dimension passiert ist.“

„Aber wie kann das…?“ Ich brach ab.

„Es passiert einfach. Du kannst nichts dagegen machen.“

„Erinnerst du dich denn?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, aber ich habe einen Kuhlhutzer vorbereitet, der mir meine Erinnerungen wieder in mein Gehirn gibt. Damit kann ich mich wieder erinnern, und diese Erinnerungen bleiben.“

„Ich verstehe!“

„Und du hast keinen Kuhlhutzer vorbereitet? Und lüge mich nicht an. Du weißt, ich weiß, wenn du lügst.“

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, ich habe nicht daran gedacht. Kann ich nicht deinen verwenden?“

„Nein. Es funktioniert nur mit der Person, von der die Erinnerungen vorher stammen. Aaaah!“ Hattie zog einen Kristall aus ihrer Tasche und  presste in an ihre Stirn. Sie entspannte sich.

„Eine interessante Erfahrung. Aber sei nicht zu traurig! Du hast dich sowieso nur versteckt, und mich die ganze Arbeit machen lassen“, sagte sie fest. Hatte ich das wirklich? Ich konnte mich nicht mehr erinnern.

„Tut mir leid, Hattie“, sagte ich.

Sie schnaufte, und ohne mich zu beachten lief sie den Pfad hinab, von dem ihr die ersten Zoobesucher entgegenkamen. Ich wartete, bis sie die Sicht auf mich versperrten und griff dann in meine Tasche, in der ein USB-Stick lag. Ich presste ihn gegen die Stirn.

„Dropbox Restore“ flüsterte ich, und eine Flut von Erinnerungen durchspülte mich. Ich hatte Hattie nicht belogen. Ich hatte schließlich keinen Kristall verwendet.

Ich folgte ihr zum Zooeingang, den Stick in der Tasche verschwinden lassend. Nun wusste ich etwas, was sie nicht wusste. Das konnte mir, egal wie, nur nützlich sein.

„Warum grinst du so?“, fragte sie scharf.

„Nur die Freude darüber, die Welt gerettet zu haben. Sag mal: Ist da Blut im Bassin?“

„Unsinn! In dieser Dimension ist nicht alles voller Blut.“

Hattie sah zum Bassin hinüber. Dann schüttelte sie den Kopf, als wollte sie ein unliebsames Bild vertreiben.

„Die Erfahrung war wohl doch intensiver, als ich dachte. Ich höre sogar hilfloses Wimmern. Komm, lass uns einen Kaffee trinken und wieder im normalen Frankfurt ankommen.“

Letzte Folge

Nächste Folge (erscheint 7.9.)

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10 Gedanken zu „Mainhattanfiles: Monster und Monster

  1. Hallo Tina, schön, dass es weitergeht! Könntest du die Geschichte (und die anderen mit Hattie) vielleicht auf der „Mainhattanfiles“-Seite verlinken, da, wo die ersten Geschichten auch verlinkt waren? Ich hab die ganzen Hattie-Geschichten nur versehentlich beim Googlen gefunden, ich dachte schon, du hättest mit Schreiben aufgehört, weil die Links alle tot sind.

    • Hallo Dragonet,
      ich freue mich, dass du wieder dabei bist, und Wahnsinn, dass du dir die Mühe gemacht hast, die Seiten einzeln rauszusuchen! Eigentlich sollten die Links automatisch funktionieren, sobald die betreffenden Teile online gehen.
      Ich habe jetzt die Links auf der Mainhattanfiles-Seite ergänzt, und auch die Links auf den Geschichtenseiten selbst eingefügt oder verbessert. Beim Testlauf eben funktionierte alles. Ganz liebe Grüße Tina

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