Mainhattanfiles: Tom und die Hitzewelle

“Durch die Nacht”, jaulte Helene Fischers Stimme durch die U-Bahn und ich überlegte, ob ich dem Hörer das Gehirn braten sollte. Aber warum die Mühe? Die Hitze würde das für mich erledigen. Zehn vor Zehn Morgens und schon meldeten die Wetterdienste fast dreißig Grad für Frankurt. In der Innenstadt, wo Beton und Häuser die Hitze speicherten wie ein Schwamm, kletterte das Thermometer auch gerne noch 10 Grad höher. Und natürlich war die Strassenbahn überfüllt und die Klimaanlage funktionierte nicht.

Die nächste Haltestelle kam in Sicht. Die Türen öffneten, und ich lehnte sich nach vorne in der Hoffnung, einen Hauch Kühle von draußen zu erhaschen. Stattdessen schwemmte die Hitze in das Abteil, zusammen mit noch mehr Leuten. Ein Typ mit Muskelshirt drängt sich an mir vorbei, und wischte dabei seinen Schweiß an meinem Oberarm ab. Bäääh! An manchen Tagen fiel es mir echt schwer, die Stadt nicht niederzubrennen! Aber dadurch würde es nur noch heißer werden.

Eine gefühlte Ewigkeit später hielt die Bahn an meiner Haltestelle. Endlich aus der stickigen Bahn raus! Ich trat auf die Strasse, und die Hitze traf mich wie eine Wand. Es schien gar keinen Sauerstoff mehr zu geben. Die Kimaanlage in der Bahn hatte wohl doch funktioniert! Sie war nur wegen der Hitze und der vielen Leute total überfordert gewesen. Ich machte einen Schritt und meine Schuhe gaben ein ratschendes Geräusch von sich, als sie sich vom Boden lösten. Es war so heiß, dass der Asphalt schmolz.

Ich griff nach meinem Handy, um ein Kältefeld zu errichten. Wofür war ich Magier? Das Display leuchtete einmal auf und erlosch dann. Verdammt! Das Ding war nun völlig abgestürzt. Mandela hatte mir schon angekündigt, dass ich bei dem nächsten solchen Crash eine Neues bräuchte. Oh nein, ich hatte kein Geld für ein neues Gerät. Und… es überlief mich eiskalt. Auf dem Handy waren sämtliche Notizen für die neue Kampagne unserer Rollenspielrunde. Verflucht! Die Informatikfritzen in meinem Kurs predigten immer von “Datensicherung”, und theoretisch war ich da auch voll dafür. Praktisch hatte ich es die letzten Tagen, äh, Wochen vergessen. Wieder mal! Ich zuckte mit den Schultern. Das war jetzt nicht mehr zu ändern. Jetzt erst mal ins Büro, da hatte ich zumindest Klimaanlage.

Halb hatte ich damit gerechnet, mein Büro verweist vorzufinden. Doch weit gefehlt. Hatti war bereits im Büro und nach dem Stand des Chaos zu urteilen, schon seit mehreren Stunden. Papiere, Karten und Flaschen lagen überall im Büro auf Haufen verteilt.

“Na endlich bist du da!”, rief sie bei meinem Anblick und warf mir dabei einen gefährlich aussehnden Becher zu.

“Was ist das?”, fragte ich, und untersuchte den Becher.
“Eiskaffee! Trink aus, wir müssen gleich los!”, antwortete Hattie.
Erst jetzt bemerkte ich ihre Kleidung. Sie trug ein tief ausgeschnittenes beiges Hemd und Shorts, an denen Seitentaschen befestigt waren. Aus zwei der Seitentaschen ragten Pistolen und gerade schob sich Hatti ein Messer unter ihr Hemd. Sie sah aus wie eine ägyptische Lara Croft – eine sehr gefährliche ägyptische Lara Croft.
“Langsam, langsam! Wohin wollen wir?”, fragte ich und hob den Eiskaffee zum Mund.
“Die Welt retten!”
Meine Hand verharrte mitten in der Bewegung. “Bitte was?”
“Denkst du etwa, die Hitze wäre natürlich?”, fragte Hattie mit beißender Ironie in der Stimme.
“Naja, die Sommer hier im Rhein-Main-Gebiet sind öfter heiß, und dazu der Klimawandel…”
“Mach dich nicht lächerlich! Warm ja, aber das? Die Hitze geht jetzt schon über zwei Monate, und jedes Mal wenn die Menschen denken, jetzt wäre es überstanden, kommt die nächste, noch heißere Welle.”
Ich dachte nach. So wie Hatti das ausdrückte, musst ich ihr zustimmen. Aber…
“Es klingt wie ein magisches Ritual”, dachte ich laut. “Aber wer hätte etwas davon?”
Hatti nickte beifällig. “Guter Gedankengang! Ich will dir den Rest verraten: es ist ein Ritual, welches schiefgelaufen ist. Der Magier, der das Ritual durchgeführt hat, ist fast garantiert tot, aber sein Ritual läuft noch. Die Hitze, denen Deutschland derzeit ausgesetzt ist, kommt aus der Dämonenwelt, deswegen ist sie auch so unangenehm.
“Verdammt!”, kommentierte ich.
“Da sagst du was!”
“Wie lange wird das Ritual anhalten?”
Hattie zuckte mit den Schultern. “So wie die Hitzepulse verlaufen, ein Monat, vielleicht zwei…”
“Aber…”
“Natürlich werden die Hitzewellen bis dahin schlimmer werden. Ich schätze, den Höhepunkt erreichen wir Anfang September, mit etwa 60 Grad.”
“Aber… das geht nicht. Die Leute würden regelrecht gebraten werden.”
“Richtig. Und wir haben keine Garantie, dass die Hitzewellen überhaupt abebben. Nein, wir haben nur eine Möglichkeit: Wir müssen das Ritual selbst beenden.”
“Wir? Aber wie sollen wir das machen?”
“Ich habe Kontakt zu dem Orden von Schrift und Schwert aufgenommen. Sie arbeiten eng mit dem allsehenden Auge zusammen und haben für diesen Fall ihre Unterstützung angekündigt. Wir treffen uns in einer Stunde mit ihnen.”
“Eine Stunde? Aber ich habe keine Zeit…”
“Richtig, da hast du nicht. Der Magier befindet sich in einer Raum-Blase, Ein- und Ausgang ist nur zu bestimmten Zeitpunkten möglich, der nächste ist in zwei Stunden.”

Eine Raumblase, das war so etwas ähnliches wie der Raum, in dem ich mit dem Katzendämon gekämpft hatte. Wenn ein Magier so einen Raum künstlich geschaffen hatte, konnte er die physikalischen Gegebenheiten selbst kontrollieren.

“Du sagst, der nächste wäre in zwei Stunden. Wann ist der Übernächste?”, fragte ich.
“In drei Wochen!”
“In drei Wochen?”
“Ja, am 31. August, um genau zu sein.”
“Aber das heißt… dass wir auch erst am 31. August wieder aus der Raumblasse rauskommen.”
“Richtig!”
“Aber ich hab Termine, ich muss meine Rollenspielgruppe leiten. Ich kann die nicht einfach enttäuschen.”
“Du musst! Das Schicksal der Welt ist wichtiger.”
“Aber…”
“Wie oft haben deine Freunde in den letzten Tagen über die Hitze gestöhnt, Tom? Willst du ihnen wirklich sagen, dass es noch schlimmer wird, und dass du es hättest beenden können, aber es nicht gemacht hast?”

Das schnitt mir das Wort ab. Verdammt! Ich hasste es, unzuverlässig zu wirken. Aber es bleib keine Wahl! Ich schnappte mir meinen Rechner und schrieb. Nach einer Minute wandte ich mich Hattie zu.

“Ok, Ich bin bereit! Was brauchen wir?”

Fünf Minuten später lag mein Büro verlassen. Auf dem Monitor blieb nur die Schrift zurück, die über magische Wege alle meine Freunde und Leser erreichen würde:

TOM UND HATTIE MÜSSEN DIE WELT RETTEN. WIR HATTEN ERFOLG, WENN ES KÜHLER WIRD. WIR SEHEN EUCH WIEDER AM 29. AUGUST!

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3 Gedanken zu „Mainhattanfiles: Tom und die Hitzewelle

  1. Pingback: Mainhattanfiles: Hatti (4/4) | Tina Skupin

  2. Pingback: Mainhattanfiles: Monster und Monster | Tina Skupin

  3. Pingback: Mainhattanfiles: Die Küchenschlacht (1/8) | Tina Skupin

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