Mainhattanfiles: Hatti (4/4)

„Falls das eine Erpressung sein soll: Ich habe kein Geld.“
Ich hatte ihren Blick bisher für geringschätzig gehalten, aber jetzt sah sie mich an, als hätte sie mich gerade gefragt, was zwei plus zwei ist. Und ich hätte „5“ geantwortet.
„Ich habe keine Verwendung für dein Taschengeld, Paul. Nein, ich sehe zwei mögliche Zukünfte. In der einen schleppe ich dich zurück zu deiner Familie. Sie sollen sehr erbost sein, habe ich gehört. Besonders dein Vater kocht und fordert harte Bestrafung.“ Sie verstummte und betrachtete meine ausdruckslose Mine.
„Du scheinst nicht sehr beeindruckt.“
Ich zuckte die Schultern. „Vater fordert grundsätzlich harte Bestrafung. Ich wäre überrascht, wenn es dieses Mal anders wäre. Aber wie sieht die andere Zukunft aus?“
Hapseptut antwortete nicht sondern studierte nur ihre Nägel.
„Ich habe in der Menschenwelt zu tun und benötige ein Inkognito“, sagte sie schließlich. „Sekretärin für ein Detektivbüro wäre genau das Inkognito, das passt.“
„Sollte nicht das Allsehende Auge Sie mit solch einem Inkognito ausstatten?“, fragte ich. Mir gefiel nicht, wohin sich das Gespräch entwickelte. Nein, das gefiel mir gar nicht.
„Kümmere dich nicht um Sachen, die dich nichts angehen“, fauchte Hapseptut, und lachte auf, als ich zusammenzuckte. „Das ist die erste Regel des Allsehenden Auge. „Kümmer‘ dich nur um deine Sachen, nicht um die eines anderen, sonst wachst du mit Skorpionen im Bett auf.“ Thomas, du solltest nicht so schreckhaft sein. Hat dein Vater dich denn gar nichts gelehrt?“
„Ich mag keine Skorpione“, brummte ich. „Und ich habe Ihnen schon gesagt, Sie sollen mich Paul nennen.“
„Also ist es abgemacht, Tom. Ich arbeite für dich als Sekretärin ,und im Gegenzug wirst du nicht vor deinen Vater oder den Rat der zwölf geschleift.“
„Warum sollte sich der Rat für mich interessieren?“
„Du bist ein schlechtes Vorbild für die Jugend. Was wäre, wenn dein Beispiel Schule macht? Kinder, die nicht auf ihrem vorgesehenen Platz bleiben? Arrangierte Hochzeiten, die platzen? Leute, die ihren eigenen Weg gehen und sich gegen ihre Familie stellen? Abgesehen davon steht deine Familie sowieso unter besonderer  Beobachtung des Rats seit der Sache mit Desdemona und dem Dämon. Nein, ich denke, der hohe Rat würde an dir ein Exempel statuieren.“
Mich überlief es kalt, als ich daran dachte. Der hohe Rat hatte seine eigenen Scharfrichter. Schlimmer noch waren ihre besonderen Agenten, die Psi-chopathen. Sie konnten jemandem in seinem Geist einkerkern, so dass er seine Erinnerungen oder sogar seine Persönlichkeit vergaß.
„Ich denke, Sie haben den Job“, sagte ich möglichst cool. Hapseptut warf mir einen beifälligen Blick zu.
„Gut reagiert, Junge. Jetzt lass uns über meinen Lohn reden.“
„Äh, sagten Sie nicht, sie wollten mein Geld nicht?“
„Nicht als Erpressung, aber wenn ich für dich arbeite, dann verdiene ich wohl angemessenen Lohn.“
„Wären Sie mit einer prozentualen Beteiligung zufrieden?“ fragte ich mit meiner besten Pokermine. Sie sah mich an und ich beschloss sofort, niemals mit ihr zu pokern.
„Wie viele Fälle hattest du bisher?“
„Äh…“
„Übrigens, die Skorpione hätten nichts gegen eine zweite Runde.“
„Einen“, sagte ich schnell.
„Einen?“
„Und für den bin ich nicht bezahlt worden.“ Ich erzählte ihr von der Katze der Professorin und meiner Begegnung mit dem Dämon. Sie hörte mir kopfschüttelnd zu.
„Du hast einen Dämon bekämpft, allein, in seiner eigenen Sphäre und hast nicht nur überlebt, sondern ihn auch besiegt? Und dafür bist du nicht mal bezahlt worden?“
„Äh… ja“, gab ich zu.
„Thomas, ich hab viel von dir gehört. Das Wunderkind der Crowleys. Aber ich muss sagen: ich bin beeindruckt. Es gibt wenige Magier, die es mit so einem Dämon aufnehmen können. ich selbst natürlich und eine Handvoll andere. Aber nicht viele.“
Ich strahlte. Lob war in der Magierwelt selten.
„Wie kann es sein, dass du als Geschäftsmann so eine absolute Niete bist?“
Ich sackte wieder in mich zusammen.
„In Ordnung. Ich akzeptiere eine prozentuale Beteiligung. 90:10 wäre angemessen.“
„Ich hätte Ihnen 20% angeboten.“
„Ich meinte 10% für dich.“
„Aber, aber ich mache die ganze Arbeit und übernehme das Risiko“, rief ich.
„Und ich liefere dich nicht dem Rat aus.“
Ich biss mir auf die Zähne. Mein Traum von Unabhängigkeit schien am Horizont zu verschwinden.
„Aber ich fühle mich großzügig heute und biete dir die gleichen 20%, die du mir zugestehen wolltest.“
„Davon kann ich nicht leben“, grummelte ich.
„Dann solltest du dir eine billigere Wohnung suchen! Ehrlich, Thomas, wer wohnt denn heutzutage in der Frankfurter Innenstadt? Viel zu teuer.“
„Die Zutaten für meine Sprüche…“
„Die setzt du natürlich als Spesen ab. Ich bin ja kein Monster! 80% vom Nettogewinn.“
Ich entspannte mich doch sie durchschaute mich sofort. „Natürlich ohne eventuelles Gehalt für dich. Du bist schließlich der Firmeninhaber. Lass mich doch gleich mal deine Buchhaltung sehen.“
„Äh, die ist da drüben“ Ich wies auf einen Aktenschrank in der hintersten Ecke des Büros.
„Aber vors..“ Zu spät. Hapseptut öffnete den Aktenschrank mit einem Fingerschnippen und eine Lawine von Papieren ergoss sich auf den Fußboden. Mit zusammengepressten Lippen ging sie hinüber und bückte sich.
„Ein Bafögantrag, nicht ausgefüllt; ein Foto von einer Katze; ein Formular für … was ist das?“ Ich sah genauer hin. „Das ist ein Charakterbogen für das schwarze Auge, unsere Rollenspielrunde, die….“ sie stoppte mich mit einer Handbewegung.
„Ich will es gar nicht genau wissen. Was ich wissen will: wo ist deine Buchaltung?“
„Äh…“
„Du willst mir sagen, dass das deine Firmenunterlagen sind?“
„Ich meine…“ ich verstummte. Ja, es stimmte. Anfangs hatte ich versucht, meine Geschäftsbücher in Ordnung zu halten, hatte das unter der Menge an Verordnungen aber bald aufgegeben. Und warum musste ich das überhaupt machen? Harry Dresden hatte sich nie mit Buchhaltung oder Steuern abgegeben. Zumindest war das nirgendwo in den Büchern erwähnt. Mehr und mehr gelangte ich zu dem Schluss, dass sie Dresdenfiles vielleicht nicht ganz realistisch waren.
Hatti seufzte. „Es sieht so aus, als würde ich mein Angebot noch bereuen.“
„Wollen sie zurücktreten?“
„Keine Chance. Junge, du brauchst Hilfe.“
Ich dachte nach.
„Einverstanden!“ sagte ich schließlich.
„Sehr gut. dann lass uns gleich den Vertrag aufsetzen.“
„Aber ja.“
Ich griff nach einem Block, aber wurde von ihrem Lachen unterbrochen.
„Was willst du mit diesem Papierfetzen? Denkst du, ich bin von Gestern?“
Ich seufzte und griff automatisch nach meinem Handy. Hatti beäugte mich misstrauisch.
„Was hat es mit dem Ding da auf sich?“
„Das ist eine Bibliothek, auf der ich alle Sprüche gespeichert habe“, antwortete ich. Sie nickte und ich war froh, dass ich die Skorpione nicht mehr in mir hatte. Das Handy war weit mehr als das, aber dass musste sie ja nicht wissen. Irgendeinen Vorteil musste ich schließlich für mich behalten. Unglücklich stellte ich fest, dass ich automatisch wieder in die paranoide Haltung verfallen war, die typisch für die Magier war. Ich hatte meinem Leben entkommen wollen, doch das Leben war mir nachgefolgt. Ich schob den Gedanke von mir und lud den Spruch. Er ähnelte einer Banken-app mit der man Überweisungen bestätigen konnte und diente dazu, einen magischen Vertrag zu bestätigen. Der Vertrag war bindend und konnte nicht gebrochen werden und ich hätte mir gewünscht, dass sie sich auf einen papiernen Vertrag eingelassen hätte. Aber Hapseptut hatte sicher nicht ihren legendären Ruf erreicht, in dem sie sich auf solch billige Tricks einliess.
„Ich, Thomas Paulus Crowley, gelobe, Frau Hapseptut vom Allsehenden Auge als meine Sekretärin zu beschäftigen. Ich gelobe, ihr 80’% meines Nettoumsatzes…
„Nettogewinns“, unterbrach sie mich.
„Nettogewinns?“
Sie seufzte. „Junge, du bist echt das gefundene Fressen für jeden Betrüger. Ja, Nettogewinn.“
Ich runzelte die Stirn. Vor wenigen Momenten hatte sie mich noch gefoltert, und nun erteilte sie mir gute Ratschläge?
„Na gut, ihr Lohn beträgt 80% meines Nettogewinns, Zahlbar zum 5 des folgenden Monats.“ Ich war dankbar, dass mir diese Formulierung eingefallen war.
„Ich Hapseptut, gelobe, Sekretärin von Thomas Paulus Crowley genannt zu werden, und ihn nicht an den hohen Rat auszuliefern.“
„Ist das alles?“
„Was willst du noch?“
„Sie können mich immer noch an meine Eltern ausliefern. Oder an das Allsehende Auge, oder…“
„Wie misstrauisch du doch bist! Also gut: Ich gelobe, ihn an keinen dritten auszuliefern.“
„…weder aktiv, noch passiv durch Unterlassung“, vervollständigte ich.
„Lausiger Geschäftsmann, aber kein völliger Idiot! Das gefällt mir! Dann können wir ja den Vertrag unterschreiben.“
„Moment, fehlt da nicht noch was?“, fragte ich.
„Was denn?“
„Zum Beispiel ihre Arbeitsaufgaben.“
Sie lachte. „Glaubst du denn ernsthaft, dass ich mir von dir Aufgaben erteilen lasse?“
Natürlich nicht! Mit einem Seufzen presste ich die Finger meiner Hand gegen ihre, als unsere Haut sich berührte, muss ich mich zurückhalten, um nicht zusammenzuzucken. Zu frisch war die Erinnerung an die Skorpione und den Schmerz. Doch nichts dergleichen wiederholte sich, ich spürte lediglich ein leichtes Kribbeln an den Fingern als Zeichen, dass der Vertrag von uns beiden bestätigt und nun rechtskräftig war. Hapeptut grinste. Sie hatte mein Unbehagen bemerkt und schien sich darüber zu amüsieren.
„Fertig“, sagte ich eine Sekunde später. „Nun, Hattie…“
„Gut, das wäre erledigt. Lass uns zum Praktischen kommen: in Anwesenheit der Kunden darfst du mich duzen, das scheint in dieser Welt so üblich zu sein. Aber wenn wir allein sind, nennst du mich…“ sie überlegte kurz. „allherrlichste Magistra.“
„Allherrlichste Magistra? Das kann doch nicht Ihr Ernst sein?“
„Und ob das mein Ernst ist. Und du betrittst mein Büro erst nach dem Klopfen.“
„Äh, Ihr Büro? Ich habe nur diesen einen Raum, und die Abstellkammer.“
„Nun, das ist ein Problem für dich, nicht wahr?“
„Äh…“
„Du kanst mir morgen alles zeigen: deine…Buchhaltung habe ich ja schon gesehen. Morgen zeigt du mir meinen Arbeitsplatz und deine bisherigen Werbemaßnahmen.“
„Werbemaßnahmen?“, echote ich.
„Na, wie hast du die Leute auf dich aufmerksam gemacht?“
„Ich habe in den gelben Seiten inseriert.“
„Du hast was?“
„Harry hat es genauso gemacht!“, verteidigte ich mich.
„Junge, du hast ja Hilfe nötiger, als ich dachte. Also, gut, Morgen fangen wir an. Ich erwarte dich pünktlich um zehn.“
„Und jetzt..“, fuhr sie fort, bevor ich antworten konnte. „Muss ich dich leider verlassen und mich meiner Lektüre widmen.“
„Darf ich Ihnen eines meiner Bücher empfehlen“, sagte ich und verfluchte mich gleich dafür. Warum musste ich immer das letzte Wort haben? Doch sie schüttelte den Kopf.
„Nein, ich habe bereits ein Buch. „Game of Thrones.“ Hast du davon gehört?
Ich nickte, mein Mund plötzlich trocken. Was hatte ich da in die unschuldige Welt gebracht?

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4 Gedanken zu „Mainhattanfiles: Hatti (4/4)

  1. Pingback: Mainhattanfiles: Hatti (3/4) | Tina Skupin

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