Mainhattanfiles: Hatti (2/4)

Wie hatte ich nur so dumm sein können, zu denken, ich könnte sie hintergehen? Ich kannte ihr Gesicht nicht, natürlich nicht! Niemand kannte die Gesichter der Agenten vom allsehenden Auge, dem Organ, dass im Dienste von Merlins Rat agierte. Aber wir alle kannten die Namen: Carmelon, Smith (ja, wirklich! Ich krieg immer noch Alpträume von Matrix) und natürlich „Hattie“ Hapsetut, die Schlange des allsehenden Auges, Herrin aller Gifte und Assassinin, von der gesagt wurde, dass sie über 6000 Jahre alt war.
„Und Sie denken, mit einer jämmerlichen Illusion könnten Sie mich zum Narren halten?“, fragte sie sanft.
Ich schüttelte den Kopf und kam mir vor wie ein Schuljunge, der zum Direktor zitiert wurde.
„Dann sollten sie die jetzt fallenlassen. Ich sehe gern, mit wem ich mich unterhalte.“
Ich seufzte und griff in meine Tasche. Im nächsten Moment spürte ich die Spitze ihres Zauberstabs in meiner Seite.
„Dumm, mein Junge“, sagte Hapsetut hinter mir, der Honig aus der Stimme vollständig verschwunden, so dass nur noch die Skorpione übrig waren.
„Nein, ich…“ hatte sie wirklich geglaubt, dass ich sie angreifen wollte?
„Ich brauche mein Handy, um die Illusion zu beenden“, stotterte ich.
„Na, da bin ich ja mal gespannt. Mach weiter, kleiner Crowley, ich bin für alles bereit!“
Zumindest hätte ich erwartet, dass sie in meine Tasche griff, um das Handy herauszuholen. Die Frau grinste, und ich verstand: sie erwartete einen Angriff. Und sie freute sich darauf! Langsam griff ich in meine Innentasche, darauf bedacht, keine plötzlichen Bewegungen zu machen. Meine Hände zitterten und ich benötigte drei Versuche, um die Tastensperre zu lösen. Dann klickte ich auf die App, um sie zu beenden. Doch ich rutschte mit meinen schweißnassen Händen auf dem Display ab und öffnete stattdessen Facebook. Mir entfuhr ein leiser Fluch und spürte, wie sich hinter mir Hapseptut anspannte.
„Ich warte“, zischte sie. Ich nickte. Manchmal habe ich Alpträume, dass ich schwimme, und das Ufer ist vor mir, und ich komme nicht voran. Und an meinen Beinen spüre ich hungrige Krokodile. Genauso fühlte es sich an, hier zu warten, bis Facebook geladen hatten, so dass ich auf meine Sprücheapp umschalten und die beenden konnte. Mandela hatte recht: Ich brauchte endlich ein anständiges Handy!
Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, erschien das Bild mit meinen Sprüchen „Tom, der Magier“ stand auf dem Display, grün unterlegt als Zeichen, dass der Spruch aktiv war. Ich atmete tief durch, wappnete mich für das, was kam, und klickte auf „Spruch beenden“.
Ich habe mein Aussehen immer gehasst, immer! Als Junge nannten mich die anderen Kinder „Crowley-Moppel“, und meine Schwestern überboten einander mit Namen wie „Magus Fettus“,  „Bruder Speck“ oder „Paul die Tom-Tonne“.

Wie sehr habe ich mir immer gewünscht, dünn zu sein. Ich wollte aussehen wie Harry Dresden, dunkel, brütend, männlich. Als ich Avalon verließ, war das meine Chance. Vor den Menschen konnte ich mir das Aussehen geben, das ich mir immer gewünscht hatte, sein, wer ich wollte. Eine Illusion war die Lösung für alle meine Probleme. Es hatte super geklappt. Niemand, nicht mal meine Rollenspielleute, wunderten sich je drüber, dass man Tom und Paul nie zusammen sah, und, ich dachte an heute Mittag: Tom hatte sogar den Blick einer schönen Frau angezogen. Eine Agentin vom allsehenden Auge konnte ich damit freilich nicht täuschen.

Ich hasste die Rückverwandlung. Es war nur eine Illusion, aber trotzdem hatte ich jedes Mal das Gefühl, ich würde wirklich schrumpfen, während mein Bauch wuchs. Hapsetut betrachtete mich leidenschaftslos, nur als mein Bart verschwand und stattdessen meine Brille wieder auftauchte, verzog sie ihren Mund zu einem Grinsen.
„Fertig“, sagte ich schließlich und blickte zu ihr hinauf. In meiner jetzigen Gestalt war ich gute dreißig Zentimeter kürzer als sie.
„Sehr gut, Tom…“
„Paul“, unterbrach ich.
„Bitte?“
„Paul. In dieser Gestalt heiße ich Paul. Ich kann alles erklären.“
„Das brauchst du nicht. So wie du aussiehst, ist es mir klar, warum du dich tarnst.“
„Na danke!“
„Gut, nachdem wir jetzt beide wissen, mit wem wir es zu tun haben, möchte ich alles wissen?“
„Was denn?“
„Erzähl mal, wer dich beauftragt hat.“
„Wie beauftragt?“
„Stell dich nicht so dumm! Wer hat dich in die Menschenwelt geschickt? Wer hat dich dazu gebracht, dich gegen deinen Vater aufzulehnen und dein grandioses Erbe wegzuwerfen?“
Ich dachte fieberhaft nach. Wie sollte ich es ihr erklären? Ich spürte eine Bewegung und eine Hand, die nach mir griff. Dann schrie ich auf.
„Junge, erzähl Tante Hattie einfach alles.“ Ihre Stimme war wie Honig. Die Skorpione waren fort. Denn sie waren in mir. Der Schmerz kroch meinen Arm hinauf, ein lähmender, harter Schmerz, als würden sich kleine, giftige Tiere ihren Weg durch mich hindurch bahnen.
„So lange du redest, und die Wahrheit sagst, tut es nicht so weh“, sagte Hapseptut.
„Es ist verboten, einen Magier zu foltern“, brachte ich zwischen zusammengepressten Zähnen hervor, mich wundernd, woher ich die Courage nahm.
„Das allsehende Auge hat dazu seine eigenen Gesetze“, antwortete Hattie ruhig. Der Raum schien sich zu drehen und meine Beine versagten. Die Skorpione hatten nun meine Schultern erreicht, kurz schienen sie zu verharren, Dann fraßen sie sich durch meine Wirbelsäule.
„Wenn ich sterbe, erfahren Sie gar nichts“, sagte ich trotzig. Ja, das war die richtige Einstellung. Harry wäre stolz auf mich!
„Oh, egal, wie du dich entscheidest, ich gewinne. Entweder ich bekomme meine Information, und ansonsten… ich hab auf dich gewettet, wie lange du die Folter durchstehst, und so wie es aussieht, gewinne ich den Pott.“
Ich wollte eine kluge Antwort geben, aber als ich den Mund öffnete, krampfte sich mein Magen zusammen, und ich übergab mich.
„Schade, ich dachte, du wärst klüger“, sagte sie mit gespieltem Bedauern. Ich sah ihre Füße vor mir. Wollte sie etwa gehen? Mich hier so zurücklassen?
„Nein, warten Sie“, rief ich und klammerte mich an ihren Schuhen fest. Sie sah auf mich hinab und seufzte.
„Ich bin heute großzügig. Also, letzte Chance, wer hat dich geschickt?“
Ich schüttelte verzweifelt den Kopf. Die Skorpionen waren nun in meiner Brust und krochen unaufhaltsam auf mein Herz zu. Wenn sie es erreichten, würden sie es zerquetschen. Aber was konnte ich tun?
„Der Zwölferrat“, brachte ich eine Lüge hervor und schrie gleich danach auf. Ich hätte nicht gedacht, dass meine Schmerzen noch intensiver werden könnten, aber nun fühlte es sich an, als würden sich die Skorpionen durch meine Bauchdecke bohren, sorgsam jeden Nerv und jedes Blutgefäß zerfetzend.
„Weißt du, ich kann damit den ganzen Tag weitermachen“, sagte Hattie neben mir durch die heraufziehende Schwärze. „Wer hat dich geschickt?“
„Niemand!“ schrie ich. „ich bin von selbst gegangen.“ Die Schmerzen verschwanden nicht, aber sie ließen nach.
Hattie sah mich ungläubig an. „Du meinst, du bist ausgerissen?“
„Ja!“
„Warum?“
„Weil…“ ich zögerte, was die Skorpionen als Anlass nahmen, wieder loszubohren.
„Weil ich es nicht mehr ausgehalten habe“, sprudelte ich hervor.

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4 Gedanken zu „Mainhattanfiles: Hatti (2/4)

  1. Ah, nett er hat eine doppelte Identität. Ich habe mich im Kapitel Blind Date erst gewundert, ob ich da was verwechselt habe oder es einen Sichtwechsel gab, als der Prota plötzlich der Mathe-Student war 🙂
    Wie fies, den Leser so aufs Glatteis zu führen 😉

    • Ja, ich bin eine Böse 🙂 Aber prima, dass es dir schon vorher aufgefallen ist. U nd jetzt weißt du auch, was die Dämonenkatze so amüsiert hat. Die hat die Verkleidung nämlich auch durchschaut.

  2. Pingback: Mainhattanfiles: Hatti (3/4) | Tina Skupin

  3. Pingback: Mainhattanfiles: Hatti (1/4) | Tina Skupin

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