Mainhattanfiles: Blind Date (1/3)

Der Mann betrat das Cafe, als gehörte es ihm. Wie ein Tiger durch den Dschungel bewegte er sich mit selbstvergessener Kraft. Mächtige Schultern und durchtrainierte Oberarme zeichneten sich unter seinem Muskelshirt ab, kaum verdeckt von langen schwarzen Haaren, die bis über seinen Rücken fielen. Drei Studentinnen am Nebentisch warfen ihm halb gierige, halb sehnsüchtige Blicke zu, die er hinter seiner Sonnenbrille selbstbewusst zurück gab. Die Frauen blickten ihm nach, als er vorbeiging. Dem kleinen, dicklichen Typ mit der Nerdbrille am Tisch hinter ihnen schenkten sie nicht die mindeste Beachtung.

Unwillkürlich stieß ich einen Seufzer aus. Eine der Frauen sah beinahe aus wie Cosmo und war ebenso unerreichbar für mich. Traurig warf ich einen Blick auf das Hochglanzmagazin, auf deren Titelseite ein Bild von Cosmo abgebildet war. Ihr strahlendes Gesicht schien mich vom Papier her anzulachen. Ich kannte dieses Lachen, sammelte jeden Schnipsel, den ich von ihr bekommen konnte. Näher würde ich an sie sowieso nie herankommen. Ich hatte gehofft, dass sich die Schönheitsideale auf der Erde zumindest etwas von denen in Avalon unterschieden. Aber dass Übergewicht und Sommersprossen irgendwo die Frauen unwiderstehlich anzog, würde wohl ewig mein Wunschtraum bleiben. In Avalon hatte ich wenigstens noch einige Chancen gehabt. Aber die interessierten sich nicht für mich, nicht für meine Person, sondern für meinen Namen, und dem Platz der Familie Crowley im elften Kreis. So eine Art Beziehung wollte ich nicht! Ich wollte nicht für meinen Namen geliebt werden, sondern wegen meiner Persönlichkeit oder gar nicht. Hatte ich zumindest vor drei Monaten noch laut getönt. Hier in der Menschenwelt hatte ich das ‚gar nicht‘ kennengelernt. Traurig warf ich einen Blick auf Miranda, die sich gerade hinter dem Tresen ihren schwarzen Kittel umband. Sie studierte wie ich Mathematik, war brilliant in Algebra – und hatte mir unmissverständlich klargemacht, dass wir nie mehr als Freunde sein würden.

Ich seufzte noch einmal und vergrub meine Nase wieder in dem Buch vor mir. Zumindest das Studium entsprach meinen Erwartungen. Es war extrem schwer und dabei absolut unpersönlich. Zwischen den Studenten konnte ich mich perfekt verstecken, ohne aufzufallen. Wahrscheinlich würde es meinen Dozenten nicht einmal auffallen, wenn ich mir einen zweiten Kopf wachsen ließe.

Mein Handy klingelte und mir wurde Mandelas Bild im Display angezeigt.

„Hey Alter!“, begrüßte ich meinen Kommilitonen. Normalerweise würde ich niemals jemanden so ansprechen, doch man hatte mir mitgeteilt, dass man das an der Uni so macht.
„Hey Dicker! Was geht?“, fragte Mandela gutgelaunt zurück.
„Alles locker! Was hast du in der Hausarbeit?“
„’Ne zwei plus. Ich kann’s noch kaum glauben. Das ist das erste Mal, dass die Jansen alle hat durchkommen lassen.“ Seine Stimme klang ungläubig, als wäre ein mittelschweres Wunder passiert. Nun, das war es auch. Die grausame Professor Jansen hatte heute nicht gebrüllt, niemanden herunter geputzt, und einmal hatte es sogar so ausgesehen, als hätte sie gelächelt!
„Ich wundere mich auch immer noch“, sagte ich. „Vielleicht ist sie so dankbar und glücklich, dass mein Bruder gestern ihre Katze wiedergefunden hat. Die muss völlig aus dem Häuschen gewesen sein.“
„Dass die wegen irgendwas aus dem Häuschen war, kann ich mir nur schwer vorstellen. Aber apropos dein Bruder: Hat die App funktioniert, die ich ihm geschickt hab?“
„Tadellos“, antwortete ich grinsend.
„Da bin ich froh. Ich war mir nämlich nicht sicher, ob das mit Dragon Hunter kompatibel ist.“
„Er hats schon ausprobiert, hat alles geklappt“, sagte ich. „Er hat die Demon Hunter- Extension verwendet. Da hat es ihm das Leben gerettet.“
„Demon Hunter? Davon habe ich noch gar nichts gehört“, fragte Mandela verwundert.
„Extra Level, und verdammt schwer!“

„Hallo!“, sagte vor mir eine Stimme wie aus einen TV-Spot. Ich blickte auf. Vor mir stand die Fast-Cosmo-Studentin. Ihr langes, blondes Haar hatte sie in einen hohen Pferdeschwanz gebunden und an der Seite mit einer farbigen Spange fixiert. Miranda neben ihr sah mit ihren abgebrochenen ein Meter fünfzig und den kurzen Haaren aus wie die Elfe aus Peter Pan.
„Ich, ich muss jetzt los“, stotterte ich in den Hörer, plötzlich panisch wie immer, wenn ich mit einer fremden Frau sprechen musste. Und da kam auch schon die große Röte. Oh nein, bitte, alles nur das nicht! Immer, wenn ich aufgeregt bin, laufe ich am ganzen Körper feuerrot an und sehe aus wie ein Seeelefant mit Sonnenbrand. Ich musste etwas sagen. Irgendwas. Ich öffnete den Mund. Das war doch schon mal ein guter Anfang!

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2 Gedanken zu „Mainhattanfiles: Blind Date (1/3)

  1. Pingback: Mainhattanfiles: Zwischenspiel (1/1) | Tina Skupin

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