Mainhattanfiles: Zwischenspiel (1/1)

Das Anwesen wurde durch eine hohe Mauer und ein abweisendes Tor geschützt, doch das stellte kein Hindernis für sie dar. Die Türen öffneten sich auf ihren Wink hin, und unaufhaltsam überschritt sie die Schwelle.

Nach kurzer Zeit erreichte sie das Haus. Früher hätte in so etwas eine ganze Familie gelebt, oder zumindest ein Junggeselle und seine Dienerschaft. Und hier sollte nur eine Frau und ihre Katze wohnen? Unfassbar! Kurz überlegte sie, ob sie das Haus nicht selbst übernehmen sollte. Sie lachte auf. Was war sie doch immer noch eine Närrin mit ihrer Schwäche für Prachtbauten! Vor ihrem inneren Auge sah sie den Palast, den man für sie gebaut hatte, damals an den Ufern des Nils. 2000 Sklaven hatten drei Jahre lang daran gearbeitet. Es war ein guter Palast gewesen, größer als alle umliegenden Bauten, sogar größer als die Pyramiden. Ein Gebäude ihrer Pracht und Stellung angemessen, aber sie hatte darin ungemütlicher gewohnt als in ihrem kleineren Haus vorher. Status, darum war es gegangen, und obwohl sie die erste war, die die Wichtigkeit von Status anerkannte, war sie mittlerweile darüber hinaus, nur um des äußeren Scheins willens unbequem zu wohnen. Vielleicht wurde sie bequem im hohen Alter? Sie kicherte leise. Nein, ganz bestimmt nicht!

Aber sie wollte kein großes Haus mehr, für das man dutzende Sklaven benötigte. Nein, sie würde in ihrer Hotelsuite bleiben, wo man ihr jeden Wunsch von den Augen ablas. Es war ja nicht so, dass sie dafür bezahlte.

Ihre Schritte hinterließen kein Geräusch in der großen Eingangshalle. Man hätte vermuten können, dass Magie ihre Schritte dämpfte, doch wenn sie für solch einen Firlefanz Magie benötigte, würde sie sich selbst aufhängen. Sie hatte auf Marmor schleichen gelernt, als dieses Land noch von Bäumen beherrscht wurde.
Bald hatte sie die Treppe erreicht und begab sich in den ersten Stock. Wo sich der Safe wohl befand?

„Was suchen Sie hier?“, kreischte eine Stimme hinter ihr. Sie fuhr herum.
„Ah, Sie sind bestimmt die Eigentümerin“, sagte sie gleichmütig.
„Wer sonst? Was hast du in meinem Haus verloren?“
„Bitte?“ Sie war schon lange nicht mehr so unfreundlich angegangen worden. Wäre sie nicht so überrascht gewesen, hätte sie heftiger reagiert.
„Dich hat die Wäschefrau reingelassen, was? Ich hab mir doch gleich gedacht, dass man euch Ausländern nicht trauen kann. Ihr verdammten Türken wollt doch nur klauen. Ihr kapiert ja nicht, was Kultur ist, Man sollte euch alle rausschmeißen“, zeterte die andere Frau.
„Ich stamme nicht aus dem Land der Hethiter, sondern aus Ägypten“, antwortete sie langsam. Ihr Temperament glich schon normalerweise einem Saharasturm und diese Frau hatte eine Stimme wie ein Reibeisen. „Und ich kenne keine…“
„Halt die Schauze! Ich rufe jetzt die Polizei. Immer das gleiche mit euch Kan…“
„Schweig!“, sagte sie und der Mund der Professorin klappte zu wie der Deckel einer römischen Amphore. Oh, es gab das Verbot, andere Wesen zu manipulieren und ihre Gedanken zu beherrschen. Das allsehende Auge wachte streng auf seine Einhaltung. Seine eigenen Agenten hatte es davon selbstverständlich ausgenommen. Sie grinste böse. Zeit zum Spielen!
„Du bist eine Sklavin von Geburt, doch führst dich auf wie eine Herrin. Was denkst du dir?“ Mit einem Wink gab sie den Mund der anderen Frau frei.
„Wie haben Sie das gemacht? Wer sind Sie?“, stammelte die, die Augen angstvoll aufgerissen.
„Ich bin ich, und du wirst mir nun einige Fragen beantworten: Ein junger Mann war letzte Woche bei dir? Was wollte er von dir?“
„Wer? Ach, dieser Detektiv. Er ist der Bruder von einem meiner Studenten. Meine Katze war ausgerissen und ich habe ihn beauftragt, sie wiederzufinden.“
„Wie kommst du dazu, ihm Befehle geben zu können?“
„Nun, er ist doch ein Detektiv, nicht? Außerdem unterrichte ich seinen kleinen Bruder“, sagte die Professorin.
„Seinen Bruder?“, fragte die Frau scharf und mit einem Funken Verwunderung in der Stimme. „Wie heißt der?“
„Ja, seinen Bruder, Paul. Faules Bürschchen, aber so sind die Studenten heutzutage nun mal. Zu meiner Zeit…“
„Dieser Paul… wie sieht der aus?“, unterbrach die Frau ungeduldig.
„Kleiner fetter Kerl. Ich habe ihn mir nicht genau angesehen.“
„Ist es dieser hier?“ Sie zog ein Foto aus ihrer Tasche und zeigte es.
„Ja, genau. Das ist er.“
„Hat er die Katze gefunden?“
„Ja, hat er. Meine Alya ist wieder wohlbehalten zuhause angekommen.“
„Was hast du ihm dafür gezahlt?“
„Gezahlt? Gar nichts. Der wollte doch tatsächlich 500 Euro von mir. Wer bin ich? Krösus?“
„Nein, bist du nicht“, sagte die Ägypterin. „Krösus hatte bessere Manieren!“
„Der soll froh sein, dass ich seinen Bruder nicht durchfallen lasse“, redete die Professorin weiter.
„Soweit mir bekannt ist, ist Paul ein Wunderkind in Mathematik. Er sollte keine zusätzliche Hilfe oder Bevorzugung von seinen Lehrern benötigen.“
„Oh, das sehe ich anders. Er hält sich nie an vorgegebene Lösungswege, schreibt irgendwelche Ergebnisse hin und wenn ich ihn nach dem Lösungsweg frage, antwortet er ‚ist das nicht offensichtlich?‘ Er kann froh sein, wenn er den Kurs bei mir besteht. Und nun“, sagte die Professorin, die langsam ihr Selbstbewusstsein zurückgewann, „will ich, dass Sie sofort mein Haus verlassen.“
„Nun, das ist kein Problem“, sagte die Frau, ohne sich von der Stelle zu bewegen.
„Dann los, wirds bald!“
„Du verstehst nicht“, sagte die Frau sanft. „Es ist kein Problem, weil es das Letzte ist, was du wollen wirst, für die nächsten sieben Jahre, oder bis ich deine Dienste nicht länger benötige.“ Die Professorin sah sie an und öffnete den Mund. Doch kein Laut entkam ihrer Kehle. Langsam schloss sie den Mund wieder, während ihr Gesicht den stumpfen Ausdruck der Sklaven annahm. Zuletzt senkte sie den Blick.
„So ist es besser“, sagte die Frau mit der Arroganz, mit der sie Länder erobert und Pharaonen in den Wahnsinn getrieben hatte. „Und nun wirst du mir die 500 Euro für den Detektiv auszahlen, nein, mach 1000, für seine gute und schnelle Arbeit. Und danach zeigst du mir, wo du deinen Champagner aufbewahrst.“

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6 Gedanken zu „Mainhattanfiles: Zwischenspiel (1/1)

  1. Hallo Tina,

    mir gefällt deine Geschichte sehr! Ich bin ein großer Dresden-files-Fan und war anfangs etwas skeptisch (da wagt sich jemand an eine Imitation des großen Meisters ran! Blasphemie! aber du hast das wirklich gut gelöst. Urban Fantasy mit klaren Wurzeln, aber keine billige Kopie. Kompliment!)
    Allerdings muss ich jetzt ein kleines bißchen meckern: Mathematikstudenten finden keine „Ergebnisse“ und mit „Lösungsweg“ wäre ich auch vorsichtig. Ich hab das studiert und gerade zu Anfang verbringt man einen Großteil seiner Zeit damit, Beweise zu schreiben. Hat überhaupt nix mit Schulmathematik („bürgerliches Rechnen“ wie mein Prof immer leicht abfällig gesagt hat) zu tun. Gibt keine Ergebnisse, Zahlen sind ja sowas von out. Ausgangssituation und auch Ergebnis sind von vorneherein klar („Beweise, dass gilt: Aus A folgt B.“ natürlich mit genauen Angaben, was genau jetzt A ist und B). Es geht nur darum, irgendwie logisch zu erklären, warum das gilt. Und da gibts natürlich verschiedene Beweismethoden. Eine beliebte Übung ist, die selbe Aussage mit den Werkzeugen der unterschiedlichen Zweige der Mathematik (Algebra, Topologie, Zahlentheorie (nein, da kommen auch keine Zahlen vor, das zahlenähnlichste ist der Satz: „Sei p eine ungerade Primzahl“….), Geometrie, Analysis etc.) zu beweisen. Immer die selbe Aussage, nur in unterschiedlichen mathematischen Sprache. So, jetzt höre ich auf. Wer bis hierhin gelesen hat, gratuliere, du bist nicht leicht zu erschrecken.

    • Hallo Dragonet,
      vielen Dank für deinen Kommentar und entschuldige die lange Wartezeit. WordPress hat mich über Kommentare nicht benachrichtigt, und ich hatte es bis gestern Nacht gar nicht gesehen. Aber jetzt ist es umgestellt und ich hoffe, dass sich das nicht wiederholt (ansonsten muss ich noch mal ein ernstes Wort mit meinem WordPress reden.)

      Mathe, meine alte Nemesis… Ich hatte ein bisschen was vom Mathestudium gehört, und ich wusste, dass ihr nicht mehr viel mit Zahlen am Hut habt, sondern mehr Beweise herleitet. Allerdings dachte ich, dass eine Beweisherleitung auch als „Lösungsweg“ bezeichnet wird, halt, wie man vom Anfang zum Schluss kommt. Und… ich gestehe zu meiner großen Schande, ich hab nie von Algebra oder Geometrie als mathematische Sprachen gedacht :-/ Und dass ihr gar keine Zahlen mehr habt… finde ich erschreckend!
      Ganz ehrlich- das klingt total faszinierend! Mathe und ich hatten immer eine Hassliebe, aber ich hatte einmal einen Nachhilfelehrer, der Mathe und Beweise geliebt hat, und der mir das wirklich nahebringen konnte. Ich glaube, deswegen wollte ich das in die Geschichte reinbringen, hab aber nicht daran gedacht, dass ich Mathe ohne meinen Nachhilfelehrer immer vermasselt hab (Ach Markus, wo bist du nur hin?) Ich bin nur heilfroh, dass ich das Magiesystem nicht auf Mathematik basiert habe (was ich am Anfang wollte). Da hätt ich mich wohl heillos blamiert 😦

      Ansonsten freut es mich sehr, dass dir meine Geschichte gefällt, vor allem, da du ja auch ein Dresdenfan bist. Ich muss sagen, ich hab absichtlich die Geschichte nur ganz locker auf Harry Dresden basiert. Ich wollte keine Fanfiction und auch keine Nachmache. Ich liebe Jim Butchers Schreibstil (vor allem in Englischen, das ist ja soo spannend!), aber ich möchte das nicht nachmachen. Selbst im besten Fall würde das nur nachgemacht klingen.

      Und erschreckt hast du mich nicht. So leicht bin ich nicht zu erschrecken. Du darfst es aber gerne noch mal probieren 😉
      Ich wünsch dir noch einen wunderschönen Tag! Ich werd jetzt zum Spielplatz und danach muss ich rausfinden, wer das Messerset geklaut hat (ja, Toms Fälle werden immer spektakulärer 😉

      Viele Grüße
      Tina

      • Hallo Tina,

        vielen Dank für deine Antwort (besser spät als nie!). Darüber, ob man in etwas gut sein muss, um drüber schreiben zu können, kann ich leider gar nix sagen, ich kann nämlich überhaupt nicht schreiben ;-). Und es ist viel einfacher, hinterher zu sagen „da wars nicht perfekt“, als es selber besser zu machen. Und wenn du das nächste Mal über ein Mathestudium schreibst und was wissen willst, kannst du mich gern vorher fragen, ich garantiere zwar für nichts, aber ich werd mein Bestes geben. (Und wenn du übers Stricken schreiben willst, gilt das Gleiche, Stricken kann ich nämlich deutlich besser als Mathe.)

  2. Pingback: Mainhattanfiles: der erste Auftrag (5/5) | Tina Skupin

  3. Pingback: Mainhattanfiles: Blind Date (1/3) | Tina Skupin

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