Mainhattanfiles: der erste Auftrag (5/5)

Ich rannte los in dem Augenblick als sich der Boden wieder wellte. Meine Beine fanden keinen Untergrund mehr und ich stürzte. Ah, da war der Boden, meine Stirn hatte ihn gefunden! Dann war es still. Ich stand langsam auf und ging auf die andere Seite des Raumes. Der Dämon schenkte mir keinen Blick. Er schien ganz mit dem hellen Viereck beschäftigt zu sein, das durch das Fenster in den Raum schien. Das half mir allerdings nicht viel. Eine Katze verlor auch manchmal scheinbar das Interesse an ihrer Beute, nur um dann noch härter zuzuschlagen. Ich musste hier raus, wieder zurück in die Menschenwelt. Dort hätte ich mehr Magie zur Verfügung, und der Dämon wäre an die physikalischen Gesetze zumindest teilweise gebunden. Langsam griff ich in meine Hosentasche. Sie war leer. Ich fühlte ein Loch. Und ich hatte gedacht, zumindest diese Hose wäre noch OK. Verdammt, meine Kleider wurden auch immer fadenscheiniger. Ich hätte mich doch nicht überreden lassen sollen, meine Sklaven bei meinen Eltern zu lassen. Da fiel mir ein, dass die Hose von dem Angriff sowieso völlig zerfetzt worden war. Prima, dann bräuchte ich sie wenigstens nicht zu nähen.

Der Dämon blickte auf. Vielleicht sollte ich mir besser Gedanken um meine eigene Situation machen, bevor ich keine Hosen mehr bräuchte. Ich griff in die andere Tasche, und nach einem bangen Moment schloss sich meine Hand um den Gegenstand, den ich gesucht hatte.

„Kaugummi?“, fragte ich und hielt eine kreischend grüne Verpackung hoch. Der Dämon sah mich herablassend an und antwortete nicht. Mit einem Schulterzucken zog ich ein grünes Viereck aus der Verpackung. Der Geruch von künstlichem Apfel breitete sich aus und geriet zu einer Explosion, als ich den Kaugummi in den Mund steckte. Der Dämon lachte leise.
„Solltest du versuchen!“, empfahl ich. „Hilft gegen den Schwefelgeruch!“ Das war natürlich Unsinn. Dämonen rochen nicht nach Schwefel, ihr Geruch war heiß und metallisch. Auf der Erde hatte ich ihn ein halbes Dutzend mal gerochen, auf Baustellen, wenn gelötet oder geschweißt wurde. Überflüssig zu erwähnen, dass mich jedes Mal bald der Schlag traf und ich mittlerweile ständig Ausschau nach Baustellen hielt.

Es gab wenig, was den Geruch eines Dämon überdecken konnte, aber dieser Kaugummi schaffte es mühelos. Leider hatte er es auch geschafft, dass ich bei den Frauen endgültig unten durch war, bei denen ich sowieso schon als Nerd galt. Scheinbar waren die Kaugummis vor dreißig Jahren mal modern gewesen, und heute mochte die niemand mehr. Diese Narren! In Avalon, wo man sich ständig mit widerwärtigen Gerüchen rumschlagen musste, wären diese Kaugummis der Renner, und…

„Sag mal“, sagte eine Stimme an meinem Ohr. „Bist du immer so unaufmerksam?“ Der Dämon stand nur wenige Zentimeter von mir entfernt. Verdammte Träumerei!
„So, kleiner Magier“, sagte die Katze. „Jetzt will ich, dass du rennst!“
„Warum sollte ich?“, fragte ich und kaute schneller. Trotzdem fühlte sich mein Mund plötzlich trocken an.
„Weil du dann vielleicht einige Sekunden länger lebst.“ Mit diesen Worten schlug Ayla ihre Zähne in Richtung meiner Schulter. Ich fuhr zurück, unverletzt, und spürte, wie mein Schild barst. Die nächste Attacke würde mich ungeschützt treffen. Ich rannte los.

Der Raum maß vielleicht acht Meter im Durchmesser, wenig, um einer ausgewachsenen Dämonenkatze von der Größe eines Tigers auszuweichen. Ich schlug Haken, bremste und rannte hin und her. Die Katze folgte jeder meiner Bewegungen. Ich dankte im Stillen dem Schöpfer für meine Schuhe, gebrauchte Turnschuhe, die ich aus Geldmangel hatte kaufen müssen und die auf dem Untergrund perfekten Halt gaben. Trotzdem würde ich nicht lange so weitermachen können. Meine Lungen fühlten sich schon an, als wollten sie gleich aus meinem Hals hüpfen und meine Beine schmerzten.

„Was denn? Ein junger, athletischer Kerl, und schon müde?“, höhnte der Dämon. Dann verdrehte er den Kopf, blinzelte – und brach in schallendes Gelächter aus.
„Eitel sind wir wohl auch! Hübsche Illusion! Du…“
Ich ließ ihn nicht ausreden, sondern stürmte los, in Richtung des Fensters. Hoffentlich hatte ich lange genug gewartet. Ich fühlte die labberige Masse des Kaugummis auf meiner Zunge und…
„Formo gnaga Hubba Bubba“ schrie ich und sprang, frontal auf die Mauer zu. Mein Körper verlor seine Kontur, die Knochen verflüssigten sich, meine Arme schrumpften zu kleinen Stummeln. Dann traf ich das Fenster.

Wie ein Wackelpudding glitt meine Körpermasse hindurch und ich fiel. Dann klatschte ich auf den Pfad wie ein rohes Ei. In meiner normalen Körperform hätte ich mir von dem Sturz alle Knochen gebrochen, aber ich besaß derzeit keine Knochen mehr. Kaum hatte ich den Gedanken zuende gedacht, als die Masse, die mein Körper war, sich zusammenzog und verfestigte. Der Zauber hatte aufgehört zu wirken. Ich seufzte erleichtert auf, froh, wieder einen Mund und Stimmbänder zu besitzen. Ich hatte den Zauber improvisiert, ohne zu wissen, ob er funktionieren würde. Jetzt nur noch zwei, drei Sekunden, bis die Beinknochen sich wieder verfestigt hätten…

Eine Tatze traf mich an der Brust.
„Das war ein lustiges Spiel“, schnurrte Alya drohend. „Aber du hast es leider verloren. Und jetzt halt doch bitte kurz still!“ Die Titelmusik von Avengers ertönte. Mein Klingelton! Aber ich hatte mein Handy doch nicht dabei. Neben Alyas Tatze sah ich etwas blinken. Das Gerät musste durch das Loch gerutscht und herausgefallen sein. Die Katze schlug mit ihrer Klaue nach mir. Ich rollte mich nach rechts direkt an ihrem Körper vorbei und griff gleichzeitig nach dem Handy. Meine Hand umschloss das vertraute Plastik, als etwas wie ein Zentner Ziegel auf meinem Rücken landete.

„Du musstest wirklich noch was versuchen, was?“, kicherte die Katze, und ihr fauliger Atem stach in meine Nase, so penetrant, dass nicht mal der Kaugummi mir half.
Panisch startete ich die App. Mein Handy begann zu laden, langsam, viel zu langsam. Ich hätte doch in ein teureres Modell investieren sollen.
„Aber jetzt…“
„Warte!“, rief ich. Immer noch lud das Gerät. „Nach dem alten Brauch musst du mir sagen, warum du mich töten willst.“
Da sah der Dämon verdutzt aus. Das Handy zeigte ein neues Bild. Ich sah drauf und der Triumphschrei blieb mir im Hals stecken. „Diese Anwendung reagiert nicht, möchten sie sie a schließen b warten c Bericht schicken.“
„Wie wieso? Als ob ich dafür einen Grund bräuchte.“
„Also ist das dein Grund, einfach nur blinde Zerstörungswut?“ a oder b? Warten oder es noch mal versuchen? Ich entschied mich für B.
„Nein“
„Was nein?“
„Nein, es ist keine blinde Wut. Ich habe dich gesucht, Thomas Crowley, aus zwei Gründen.“ Jetzt lief es mir eiskalt den Rücken herunter.
„Warum hast du mich gesucht?“
„Es gibt einige, denen es absolut nicht gefällt, wenn ein junger Zauberer alleine in die Welt zieht. Gibt anderen ein schlechtes Beispiel. Man sollte die daran erinnern, dass so leicht … Unfälle passieren können.“
Mein Handy blinkte rot. Die App funktionierte. Jetzt noch den Spruch aufrufen.
„Dann war es kein Zufall, dass die Professorin mich aufgesucht hat?“
„Natürlich nicht. Ich habe ihr diesen Gedanken eingegeben. Warum sonst sollte irgend jemand dich als Detektiv engagieren wollen?“
Ich unterdrückte meine verletzten Gefühle.
„Du sprachst von zwei Gründen?“
„Ja, der zweite ist … persönlich. Ich mag die Familie.“
„Du weißt nichts von uns.“
„Ich weiß alles von euch. Jede Schwäche, jede Lüge.“
Mir wurde schlecht. Das konnte nur eins bedeuten.
„Du bist der Dämon, der meine Schwester auf dem Gewissen hat?“
„Sie rief mich willentlich, sie zahlte den Preis. Wie geht es der schönen Desdemona denn heute? Kann sie schon wieder laufen?“

Heiße Wut kochte in mir hoch wie Lava in einem Vulkanschlund. Ich sah nicht einmal nach unten, ob der Spruch schon geladen war, bevor ich das Handy nach vorne brachte.
„Brenne!“ Es war kein Spruch, nur geballter Wille, und ein Jahr voll Trauer und Zorn. Aus dem Loch, in dem normalerweise die Kopfhörer stecken, schoss ein roter Strahl. Die Katze sprang im selben Augenblick. Ich traf sie mitten im Sprung. Der Dämon platzte wie ein Luftballon.

Langsam kam ich auf die Beine, zitternd vor Wut und der Anstrengung, die der Zauber mir abverlangt hatte. Um mich herum lagen Blut und Hautfetzen verteilt, aber nicht so viele, wie ich erwartet hatte. Die Katze hatte wohl vor ihrem Tod ihre alte Gestalt wieder angenommen. Finster betrachtete ich die Überreste. Seltsam, ich hätte nicht gedacht, dass sich ein Dämon so einfach besiegen ließe. Alle Schriften wiesen darauf hin, welch überlegene Gegner sie waren, nur zu schlagen von den besten Magiern. Vielleicht war das auf der Erde anders?

Die Avengers unterbrachen meine Gedanken. Mein Handy leuchtete, und die Nummer der Professorin war eingeblendet. Da war wohl ein Besuch beim örtlichen Tierheim fällig. Und ich würde die Gedanken der Professorin anpassen müssen, damit sie mir den Austausch abkaufte. Eigentlich war das streng verboten, aber wegen so einer Kleinigkeit würde der Magierrat wohl keinen Aufstand machen. Außerdem würden sie es ja nicht erfahren.

Da lag ich doppelt falsch.

ENDE Kapitel 1

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4 Gedanken zu „Mainhattanfiles: der erste Auftrag (5/5)

  1. Interessantes erstes Kapitel.
    Ich finde es echt klasse, wie das Klischee des unbekannten Detektivs, der als ersten Auftrag eine verschollene Katze finden soll, so eine Wendung erfährt.
    Auch, dass der Prota am Ende versucht, die Katze zu einer Bond-Bösewicht-Rede zu verleiten, ist herrlich.

  2. Pingback: Mainhattanfiles: der erste Auftrag (4/5) | Tina Skupin

  3. Pingback: Mainhattanfiles: Zwischenspiel (1/1) | Tina Skupin

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