Mainhattanfiles: der erste Auftrag (4/5)

Es fühlte sich an wie eine riesige Pranke, die meine rechte Seite umklammert hielt. Sobald ich den Boden unter den Füßen spürte, drehte ich mich ruckartig und kam wider Erwarten frei. Gleichzeitig ertönte das Geräusch zerreißenden Stoffs. Verdammt, das war meine Lieblingsjeans, die einzige richtig schwarze, die ich besaß. Instinktiv rollte ich mich ab und kam auf die Beine. Ich hob den Arm und flüsterte „Protector 3D“. Es war ein schwacher Schutzschild, aber unter diesen Umständen und ohne Handy der beste, den ich hinbekam.

Dann suchte ich den Raum mit den Augen ab. Das kleine Fenster ließ nur wenig Licht hinein, und ich konnte meinen Angreifer nirgends sehen. Langsam wich ich zurück, bis ich mit dem Rücken an die kühle Außenwand stieß. Was hatte mich da attackiert? In Gedanken ging ich die Möglichkeiten durch, von einem anderen Magier bis hin dazu, dass das Gebäude selbst eine böse Seele entwickelt hätte … Schnell machte ich einen Schritt von der Wand weg. Kurz zögerte ich, bevor ich mein geistiges Auge ausschickte, um den Raum zu untersuchen. Mit gutem Grund! Vor mir verzerrten sich die Proportionen, ich schien in Treibsand zu stehen. Schnell trat ich geistig den Rückzug an. Ich war verrückt genug. Da musste ich nicht auch noch von einem Turm in den Wahnsinn getrieben werden. Vor mir bewegte sich etwas, und Alyas Gestalt löste sich aus dem Dunkeln. Sie tapste auf mich zu und rieb sich an meinem Bein.

„Na Alya, bist du auch hier reingeraten?“, fragte ich und bückte mich herunter, um sie hinter den Ohren zu kraulen, während ich mich weiter umsah, von woher wohl die Gefahr käme. Der Boden unter mir wellte sich und beinahe wäre ich gestürzt. Seit wann gab es in Frankfurt Erdbeben? Scheinbar war ich in eine der Zwischenwelten geraten, die wie Schlaglöcher die Straße der Realität durchziehen.
„Verdammt!“, durchzuckte es mich. „Das heißt, ich bin nicht mehr in Frankfurt und meine Feinde können mich finden.“
„Sie haben dich bereits gefunden,“ flüsterte eine Stimme in mir, die nicht zu mir gehörte. Und im gleichen Moment wusste ich, womit ich es zu tun hatte, wusste, woher das seltsame Gefühl im Haus der Professorin gekommen war. Eine Welle von Hass stieg in mir auf. Wie hatte ich das Gefühl nicht wiedererkennen können?
„Dämon!“, knurrte ich. Alya kicherte und schlug mit ihrem Schwanz. Die Augen der Katze leuchteten rot auf.
„Magier!“, erwiderte sie und musterte mich aufmerksam.
„Du fürchtest dich nicht“, sagte sie schließlich.
Ich entspannte meine Kiefermuskeln „Natürlich tue ich das. Alle Magier fürchten die Dämonen. Außer die Narren.“
„Und du bist kein Narr, nicht wahr, Thomas Crowley?“ Ich zuckte zusammen, als die Katze meinen Namen aussprach. Namen besitzen Macht. Namen geben Identität, binden uns an unsere Erscheinung. Deswegen haben Dämonen, anders als viele denken, keine Namen. Wie man Dämonen dann an sich binden kann? Gar nicht, und nur die Wahnsinnigen versuchen es. Desis Gesicht stieg vor mir auf, und ich unterdrückte es gewaltsam. Ich musste mich konzentrieren, wenn ich das hier überleben wollte.
„Und du bist Alya, nicht?“, fragte ich den Dämon, meine Gedanken verdrängend. Ein Name war das, worauf man hörte. Wenn der Dämon seinen Namen akzeptierte, konnte ich darüber Macht über ihn gewinnen.

Die Katze reagierte nicht darauf, sondern begann, mich langsam zu umkreisen. Mittlerweile reichte sie mir bis zum Oberschenkel. Ein schneller Blick zum Fenster zeigte mir, dass sie gewachsen war, nicht ich geschrumpft. Das war einerseits positiv. Hätte sie mich schrumpfen lassen können, hätte sie damit Macht über meinen Körper bewiesen. Andererseits hatte ich mit meiner augenblicklichen Größe keine Chance, mich durch das viel zu enge Fenster zu quetschen und zu entkommen. Und entkommen wollte ich, mehr als alles andere.

Die Dämonen sind der Grund, warum Menschen das mit der Magie so völlig falsch verstehen, vor allem die Kirchen. Magie übt man mit der Energie aus Pandemium, die Welt, aus der auch die Dämonen stammen. Die Energie selbst ist neutral, weder gut noch böse (einige Theoretiker sagten, man solle keine Magie üben, denn diese Energie sei der Grundstoff, aus dem der Schöpfer das Universum kreierte, aber niemand nimmt diese Spinner ernst. Wir verwenden lediglich Funken dieser Kraft, genauso könnte man einem Kind vorwerfen, mit seinen Förmchen das Meer auszuschöpfen.) Leider gibt es in Pandemium nicht nur die Energie, sondern auch die Lebewesen, die sich davon ernähren: die Dämonen. Während unserereins sich mit den Spritzern der Magie begnügen müssen, sind die Dämonen davon umgeben wie Luft. In ihrer eigenen Welt sind sie damit unbesiegbar. In unserer dagegen besitzen sie keinen Körper, und müssen sich als Vehikel einen Wirtskörper suchen, der ihre Essenz aufnimmt. Im Gegenzug versprechen sie unendliche Macht. Einige Magier haben sich drauf eingelassen, glaubend, sie könnten die Dämonen austricksen. Keinem ist das gelungen.

„Ich bin Thomas“, sagte ich deshalb, um etwas mehr Zeit zu gewinnen. Der Dämon lachte hämisch.
„Der Enkel des großen Crowley versteckt sich in einer Menschenstadt. Wie kommts?“
„Was interessiert dich das?“ fragte ich zurück. Einem Dämon durfte man nicht zu viel Informationen geben. Eigentlich so wenig wie möglich.
„Warum tut er das? Was gibt es hier zu finden? Was sucht der alte Crowley?“
Das überraschte mich. Dachten die wirklich, mein Großvater hätte mich entsandt, um etwas zu suchen?
„Großvater ist tot“, sagte ich fest.
„Das glaubst du?“
„Ich war auf seiner Beerdigung.“
„Pfff, Crowley wurde mehr als einmal beerdigt. Das sagt gar nichts.“

Dieser Gedankengang gefiel mir gar nicht. Wenn Großvater wirklich noch irgendwo herumgeisterte…. ich spürte einen Schlag und mein Schutzschild leuchtete auf.
„Zu leicht abzulenken, kleiner Magier! Thomas der Tagträumer nennen sie dich, was?“
„Niemand nennt mich so!“ Zumindest heute niemand mehr. Es war Desis Name für mich gewesen. Niemals hätte ich gedacht, dass ich diese Stimme mal vermissen würde.
„Also, Dämon, was willst du?“, fragte ich.
„Dich, deine Magie!“
Ich schüttelte den Kopf. „Wird nicht passieren. Lass mich in Ruhe!“
Die Katze lachte, es klang wie das Brüllen eines Löwen.
„Ein Magier, allein und ohne den Schutz seiner Familie. Und ich soll ihn einfach in Ruhe lassen. Was für eine niedliche Vorstellung!“ Eine Pranke schoss nach vorne und traf mich voll an der Brust. Ich verlor den Boden unter den Füßen und krachte gegen die Wand. Der Schutzschild brach zusammen.

„Schild!“ Mein Zweitschild ohne das Handyapp war viel zu schwach, aber immer noch besser, als völlig auf den Schutz eines Magischen Schildes verzichten zu müssen. Ich erwartete den Schlag des Dämons im nächsten Moment. Mit etwas Glück würde der Schild für den ersten Angriff halten. Danach… verdutzt blickte ich nach oben. Der Dämon hatte sich nicht von der Stelle gerührt und grinste mich breit an, wie es nur eine Katze vermochte. Ich runzelte die Stirn. Wieso griff der Dämon nicht an? Er schien mich nicht zu fürchten. Fast war es, als wollte er mit mir spielen.

Versuchsweise drehte ich mich um und sprintete in Richtung Fenster. Ayla tat einen mächtigen Sprung und landete zwischen mir und dem Fenster. Gleichzeitig schlug sie mit ihren Klauen nach mir und mir entfuhr ein unwillkürliches Quieken. Die Vision aus Alyas Zimmer kam mir in den Sinn. Der Dämon spielte mit mir wie eine Katze mit einer Maus. Sie wollte, dass ich rannte. Aber schon bald würde ihr das zu langweilig werden, und dann… ich rannte schneller, in die andere Richtung.

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2 Gedanken zu „Mainhattanfiles: der erste Auftrag (4/5)

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