Mainhattanfiles: der erste Auftrag (3/5)

Den Findespruch ohne Handy zusammenzubauen dauerte länger als gedacht, und ich fluchte laut, als mein Spruch zum vierten Mal versagte. Ich verließ mich einfach zu sehr auf mein Handy. Dabei besaß ich es erst seit zwei Monaten.

Meine Freunde machten sich schon darüber lustig, dass ich nie ohne Handy sein wollte. Da hatten sie recht. Die kleinen Geräte waren ein Wunderwerk. Meinen Großvater hatte man noch bewundert für seine großartige Bibliothek, die viele verbotene Bücher enthielt. Wenn er auf Reisen ging, schloss er sich für Stunden ein, um die benötigten Bücher auszuwählen und in seiner Reisetruhe zu verstauen, die so schwer war, dass drei Sklaven magisch an sie gebunden werden mussten. Man kann sich meine Aufregung nicht vorstellen, als ich erfuhr, dass ich meine gesamte Bibliothek auf einer handgroßen Fläche mit mir tragen könnte. Zum allerersten Mal in meinem Leben empfand ich Respekt vor der Erfindungsgabe und dem Witz der Menschen.
Dann erzählte man mir von „Apps“.

Gott sei Dank hat ein Handy kein Netz in der Magierwelt, sonst würden darum wohl die nächsten Magierkriege ausbrechen. Die I-Wars oder so.
Mit Hilfe von Apps, kleinen Zusatzprogrammen, konnte ich mein Handy zu so ziemlich jedem mir bekannten magischen Amulett umwandeln. Es diente mir als Fokus, Zauberstab, und erst gestern hatte mir Mandela die neue Schutzschildapp geschickt. Mandela war ein Austauschstudent aus Südafrika. Er studierte Informatik, und seine Spezialität waren Apps, je abgedrehter, desto besser. Natürlich wusste er nicht, wofür ich die Apps nutzte. Er glaubte, ich wäre ein Gamer und bräuchte Cheats für meine Dungeon Hunter-Kampagnen.
Nur eines konnte mein Handy nicht: mir folgen. Anders als mein alter Zauberstab, der stets in meiner Manteltasche erschien, blieb mein Handy dort, wo ich es hinlegte. Ich musste Mandela unbedingt dazu bringen, mir solch eine Folgeapp zu schreiben. Denn ich vergaß mein Handy ständig.
Ein vergesslicher Magier ist ein toter Magier, jedenfalls auf Avalon. Deswegen hasste ich es, ohne Handy unterwegs zu sein. Die Paranoia, die jedem Magier, zumindest jedem lebenden, eine zweite Natur war, widersprach automatisch: Gefahr umgibt dich! Immer! Sei auf der Hut! Sollte ich das Handy nicht doch besser holen gehen? Meine rechte Hand schwebte wenige Zentimeter über der von weißer Katzenstreu  bedeckten dunklen Masse.
„Crudo!“, flüsterte ich und spürte das vertraute Prickeln der Magie unter meinen Fingern. Es fühlte sich an wie Feuerwerk. Die Katzenscheiße hob sich in die Luft, drehte sich. Und fiel wieder herab. Schon wieder! Das war nun schon der fünfte Versuch. Ich begriff das nicht. Findesprüche gehörten zu den einfachsten Zaubern, die selbst von Kindern ausgeführt werden konnten. Sie konnten natürlich auch einfach unterbunden werden, wenn der Gesuchte nicht gefunden werden wollte. Aber wie sollte eine Katze so etwas bewerkstelligen? Lächerlich!

Wahrscheinlich lag es an mir. Ich hatte mich immer noch nicht an die Magie der Erde gewöhnt. Avalon grenzte direkt an das Chaos, ein Universum aus reiner Energie, aus dem die Dämonen stammten und in das wir griffen, wenn wir zaubern wollten. Auf der Erde hingegen war es so viel schwerer, auch nur das kleinste Rinnsal Magie zu erfassen. Deswegen lebten die Magier auch nicht auf der Erde, sondern kamen nur hierher, um Waren oder Sklaven zu kaufen.
Ich seufzte, hob das Ding erneut und machte die entsprechenden Handbewegungen. Es fühlte sich falsch und hölzern an. Magische Sprüche sind unberechenbar, so wie das Chaos aus dem sie gespeist werden. Je nach Wochentag, Untergrund und Zusammensetzung der Zutaten ändern sich die Sprüche, die Sprüche von Avalon funktionieren auf der Erde nicht und umgekehrt. Seitdem ich auf der Erde angekommen war, versuchte ich, meine in Avalon gelernten Zauber den Erdbedingungen anzupassen.
„Crudo!“, sagte ich mit so viel Autorität, wie ich aufbringen konnte. Wieder das Prickeln, wieder spürte ich, wie die Magie mir durch die Finger rann.
„Verdammte Scheiße!“, brüllte ich und warf das Ding auf den Boden, endgültig die Beherrschung verlierend.
„Also, junger Mann, benehmen Sie sich mal bitte“, sagte jemand hinter mir. Ich fuhr herum und musterte den Mann: Hakennase, aristokratisches Kinn, stechende Augen, eindeutig ein Römer. Ich murmelte eine Entschuldigung und ließ den Mann passieren. Normalerweise ließ ich mich nicht einschüchtern, aber wenn ein Volk über 2000 Jahre überlebt, hat so etwas Respekt verdient. Der Mann warf mir noch einen Blick zu, dessen Arroganz einem Magier gut angestanden hätte, und ging an mir vorbei. Ich senkte den Blick, um nach der Katzenscheiße zu suchen. An ihrer Stelle lag da im Dreck eine pinkfarbene Katzenstatue. Sie sah aus wie eine dieser schrecklichen Plastikfiguren, die man im Laden kaufen konnte, doch ich wusste es besser. Mein Fluch hatte geschafft, was mein Zauber nicht vermocht hatte: Ich hatte meinen Findezauber. Fröhlich pfeifend hob ich die Statue auf. Da sollte mein Vater noch einmal behaupten, meine Flucherei wäre sinnlos und eines Zauberers unwürdig.

Das Amulett führte mich zum Rothschildpark. Durch die dichten Bäume konnte ich die Säulen der alten Frankfurter Oper erkennen, und der Lärm der Straße drang gedämpft zu mir herüber. Für einen Augenblick schloss ich die Augen und genoss das Rauschen der Bäume. Ich hasste die Stadt, wäre viel lieber auf dem Land gewesen. Doch das ging nicht. Nur in Frankfurt konnte ich mich verstecken, nur hier im Main-Taunus-Kreis gab es so viele nichtmenschliche Wesen, dass sie meine Familie von meiner Spur abbringen konnten. Es war eigentlich nicht schlecht hier, außerhalb der Stadt lagen kleinere Orte in denen ich mich viel wohler fühlte, und wo ich mich eingemietet hätte. Aber meine Detektei musste selbstverständlich in der Innenstadt angesiedelt sein, also musste ich jeden Tag in den Moloch.

Ich spürte eine Bewegung an meinem Bein und blickte hinab. Eine Katze strich um mein Bein. Sie schnurrte leise, während sich ihr haarloser Körper an mir rieb. So einfach hatte ich mir das nicht vorgestellt.

„Hallo meine Schöne“, sagte ich und versuchte, den Abscheu aus meiner Stimme zu halten. Was für ein hässliches Viech! „Dein Frauchen vermisst dich, du solltest nach Hause kommen.“
Die Katze sah mich an. Und sprang davon.
„Bleib hier, du vermaledeites Flohvieh!“ Einige Jogger sahen mir verdutzt nach, als ich an ihnen vorbeihetzte. Ich beachtete sie nicht, sondern konzentrierte mich ganz auf meine Zielperson, äh, -katze.

Ich kannte den Park nicht und jagte einfach nur der Katze nach. Nach der vierten Ecke geriet ich außer Atem. Als Magier musste man körperlich und geistig immer auf einen Angriff vorbereiten, doch in den vergangenen Monaten hatte ich mehr am Schreibtisch gesessen und Aliens erschossen und mein Training sträflich vernachlässigt. Dafür zahlte ich nun den Preis. Ich konnte nicht mal mehr mit einer Katze mithalten.

Gott sei Dank lief sie nicht mehr viel weiter. Hinter der nächsten Ecke fand ich mich an einer Weggabelung wieder. In deren Mitte erhob sich ein Gebäude, welches mich entfernt an einen mittelalterlichen Turm erinnerte. Ein spitzer Torbogen nahm die untere Hälfte ein, offenstehend wie ein altes Stadttor. Das Stockwerk darüber war geschlossen und auf den ersten Blick nur über die schmalen Fenster zu erreichen. Die Katze schien zu demselben Schluss gekommen zu sein. Sie machte einen gewaltigen Satz und landete auf dem Fenstersims. Dann verschwand sie im Inneren. Nun, die Katze schien keine Probleme mit Sportlichkeit zu haben! Die Fenster lagen bestimmt fünf Meter über dem Boden. Wie sollte ich da hochkommen? Ich könnte natürlich aufs Dach des Turmes fliegen und mich über die Zinnen abseilen. Aber die Fenster waren viel zu schmal und klein für meinen Körper. Da käme ich nicht ohne weiteres rein. Aber warum sollte ich das tun? Die Katze würde sicher bald wieder den Turm verlassen. Ich bräuchte einfach nur warten.

Zwei Stunden später kam ein laues Lüftchen auf. Der Himmel färbte sich rot hinter der Kulisse des alten Turms, und die Vögel sangen ihre Abendmelodie in den Bäumen. Alles sehr romantisch, ich wünschte nur, ich hätte eine schöne Frau bei mir gehabt statt der dämlichen Katze!

Das blöde Mistvieh saß immer noch in ihrem Turm, und wie es aussah, würde es auch so bald nicht da rauskommen. Was es da wohl machte? Mir war das egal. ich wollte jetzt endlich nach Hause. Ich sah mich um, ob ich ungestört war, aber seit einer Viertelstunde war schon niemand mehr vorbeigekommen. Ohne mein Handy war es viel schwerer, aber…
„Volare“, flüsterte ich. Diesmal gelang mir mein Zauber beim ersten Versuch, und ich schwebte an der Mauer hinauf auf das Fenster zu. Ich atmete ganz ruhig, ein und aus, sah nicht nach unten und vermied es,darüber nachzudenken, was ich tat. Ich hasse Tiefen! Endlich, nach einer viel zu langen Zeit erreichte ich das Fenster. Es war so breit wie meine Hand, also zu schmal, um mich hindurchzuquetschen. Ich linste durch die Öffnung ins Innere.
„Komm, Kitty Kitty!“, raunte ich ohne viel Hoffnung. Etwas schoss aus dem Loch und packte mich. Ich sah die Mauer des Turms auf mich zurasen, gleich würde ich zerschmettert werden. Auf meiner Zunge schmeckte ich das Aroma von Feuerwerk. Ein Zauber, und er traf mich unvorbereitet und ungeschützt! Mein Körper bog sich nach hinten, meine Wirbelsäule in einem unmöglichen Winkel verschiebend, und, als wäre ich ein fettes Plüschtier, wurde ich durch das Fenster ins Innere des Turmes gezogen.

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2 Gedanken zu „Mainhattanfiles: der erste Auftrag (3/5)

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