Mainhattanfiles: der erste Auftrag (2/5)

Am Ende akzeptierte sie meine Fahrkarte als Pfand. Ich setzte mich an einen der Tische, die trotz Betrieb frei geblieben waren. Der Tisch stand in der vollen Sonne, deswegen mieden ihn die Menschen. Und deswegen wählte ich ihn. Die Sonne! Ich hatte sie nicht mehr gesehen seit meiner Kindheit und den letzten Besuchen bei meinem Großvater.

Wie alt ich da wohl gewesen war? 9? 10? In Avalon, der Welt, aus der wir Magier ursprünglich stammen und in der wir hauptsächlich leben, ist die Sonne nie zu sehen. Kriege haben die Ozonschicht vollkommen zerstört und der hohe Rat musste eine künstliche Kugel um unseren Planeten legen. Die Kugel schirmt das Sonnenlicht ab, so dass wir zwar vor der tödlichen Strahlung geschützt sind, doch niemals das Licht der reinen Sonne sehen können. Ich habe das ewige Halbdunkel immer gehasst, sehnte mich immer zurück nach dem Haus meines Großvaters. Schon damals entstand mein Wunsch, Avalon zu verlassen und mich auf der Erde anzusiedeln, ein Wunsch, den ich nur meinen Schwestern verriet. Ich grinste immer noch bei dem Gedanken: Desdemona hatte mich bestärkt, Ophelia hatte mich abhalten wollen. Das war so untypisch für die beiden. Aber dann natürlich nicht: Desi hatte mich aus dem Weg haben, und Offi hatte mich nicht verlieren wollen.

Davor hätte sie keine Angst haben brauchen. Unsere Eltern hielten uns alle in eisenhartem Griff und jahrelang blieb Frankfurt nur ein Traum hinter dem düsteren Horizont der Kuppel, die ich mit jedem Tag mehr hasste.
Andererseits war die Kugel natürlich praktisch. Wenn sich die Sklaven aufständisch verhielten, genügte ein Hinweis auf die Kugel, die man jederzeit entfernen könnte, und schon war jeder Unmut dahin. Wir Magier würden die kosmischen Strahlen etwa eine Woche überleben, hatten die Weisen errechnet. Die normalen Sterblichen keine Stunde.

Ich beendete meine Mahlzeit und nahm meine Fahrkarte wieder entgegen. In einer halben Stunde sollte ich die Professorin treffen. Damit blieb mir nicht genügend Zeit, um zu meinem Büro zurückzukehren, mein Handy zu holen und zum Westend zu fahren. Kurz überlegte ich, ob ich einfach zu spät kommen sollte, verwarf es aber dann. Das war ein Standardauftrag. Was sollte da schon schiefgehen?

Ich fuhr mit der U-Bahn ins Westend. Die Straße war einfach zu finden, die Hausnummer schon weniger. Durch die schmiedeeisernen Gitter sah ich einen Park und im Hintergrund einen weißen Erker hervorblitzen. Die schweren Tore öffneten automatisch, während Überwachungskameras jeden meiner Schritte verfolgten. Dann kam das Haus in Sicht. Ich ersetzte in Gedanken das Wort „Anwesen“ durch „Schlösschen“. Selbst mit einem Professorengehalt konnte man sich so etwas nicht leisten. Wahrscheinlich kam die Professorin aus alter Familie. Endlich erreichte ich die Tür und klingelte. Ich erwartete so etwas wie einen Butler, aber es war die Professorin selbst, die mir öffnete.

„Da sind Sie ja endlich“, sagte sie statt einer Begrüßung. Die Standuhr im Flur hinter ihr zeigte, dass ich fünf Minuten zu früh dran war. „Übrigens gibt es auch einen Dienstboteneingang.“
„Interessant“ antwortete ich höflich. Lachhafte Vorstellung! Ein Magier, der einen Dienstboteneingang benutzte.
„Nun, hier bin ich. Lassen Sie uns mit der Suche nach Ihrer Freundin beginnen“, sagte ich geschäftsmäßig.
„Tun Sie nicht so neunmalklug“, blaffte sie zurück. Ich blinzelte. Die Jansen war privat genauso unausstehlich wie im Hörsaal! Wie würde der Meister reagieren? Er hätte Mitleid mit dieser alten Dame, die ihre Freundin vermisste. Harry Dresden war bekannt für seine Schwäche für Menschen.
Ich lächelte aufmunternd.
„Alles wird gut, machen Sie sich bitte keine Sorgen! Es würde mir helfen, wenn Sie mir das Zimmer der Vermissten zeigen würden.“

Sie nickte und drehte sich ohne ein weiteres Wort um. Ich folgte ihr durch einen Korridor, in den problemlos meine ganze Wohnung hineingepasst hätte. Gleichzeitig ließ ich meinen Geist die Atmosphäre des Hauses erkunden. Über die Dinge, mit denen eine Person sich umgibt, kann man fast alles über diese Person herausfinden, und wir Magier hatten diese Kunst perfektioniert. Das ist auch der Grund, warum wir nie einen Fremden in unsere Privaträume lassen. Mein rechter Arm schmerzte in der plötzlichen Erinnerung an das eine Mal, als ich die Privaträume meines Vaters betreten hatte, Folge einer dummen Wette zwischen Desi und mir. Vater hatte mich erwischt und mir den Arm gebrochen. Dann hatte er dafür gesorgt, dass niemand meinen Arm heilte, so dass ich zwei Monate mit einer Schlinge durch die Magierwelt laufen musste, eine unvergleichliche Demütigung. Aber er hatte seinen Punkt gemacht: legt euch nicht mit Fenton Crowley an. Er vergibt niemandem. Nicht mal seinem eigenen Sohn. Ich war nun ein erwachsener Mann, selbst vollwertiger Magier der Crowley-Dynastie. Schnell konzentrierte ich mich wieder auf das hier und jetzt, verwundert, wie zornig ich über diese Sache nach all den Jahren immer noch war. Ich entdeckte das Schlafzimmer, ein einfaches Bett. Die beiden Frauen waren also kein Paar. Gut, dass ich um diese Frage herumkam, hätte ich doch nicht gewusst, wie ich sie taktvoll formulieren sollte. Was gab es noch? Einen großen Ankleideraum direkt neben dem Schlafzimmer, drei Bäder, plus eine größere Ansammlung von Wasser im Keller. Vermutlich ein Swimmingpool. Ich ging weiter und spürte etwas anderes. Es war fremd und unangenehm, aber ich konnte es nicht näher bestimmen. Ich unterdrückte ein Seufzen. Wahrscheinlich ein Poltergeist oder eine andere friedlose Seele, die die Schwingungen in diesem Haus durcheinanderbrachte.

Ich schob das fremde Gefühl beiseite und fand ansonsten nichts besonderes: drei Wohnzimmer, eine Art Empfangshalle, etwas, dass sich wie ein Kinderzimmer anfühlte, voll mit Spielsachen und einem Kletterturm sowie ein großes Arbeitszimmer. Ich spürte den Sog der Bücher. Alle Bücher sind Wissen, und als Magier werde ich von Wissen angezogen. Aber etwas anderes, was ich erwartet hatte, fand ich nicht: Ich fand keinen Hinweis auf eine zweite Person, ohne mein Vorwissen hätte ich geschworen, die Professorin lebte allein.
„Können Sie mich jetzt zu dem Zimmer von Alya bringen?“, fragte ich die Frau, die mich die ganze Zeit mit Adleraugen beobachtete. Dachte die, ich wollte das Tafelsilber stehlen?
„Selbstverständlich“, sagte sie kurz und führte mich in den ersten Stock zu dem Zimmer mit den Spielsachen. Ich sah mich hilflos um. In der Ecke lag eine Matratze, der ganze linke Bereich wurden von einem riesigen Kratzbaum eingenommen.
„Alya mag wohl Katzen“, sagte ich. Professor Jansen sah mich an als wäre ich verrückt geworden.
„Alya ist eine Katze“, sagte sie schließlich.

Ehrlich gesagt wunderte es mich, warum sie mich danach nicht rauswarf. Aber ich schob es auf mein Glück und untersuchte den Raum. Viel fand ich nicht. Alya besaß mehr Spielzeug als ein durchschnittlicher Dreijähriger, natürlich alles von höchster Qualität. Ich will nichts über irre Katzenweiber sagen. Einige der mächtigsten Magierinnen verwenden Katzen als Vertraute. Aber Professor Jansen schien wirklich ihre Katze als Kindersatz anzusehen. Jetzt stand sie hinter mir in der Tür, unsichere Aggression ausstrahlend. So würde ich nie den Raum lesen können.
„Würden Sie mich einen Moment allein lassen? Ich möchte mir in Ruhe alles ansehen.“
„Wieso denn das?“, fragte sie in giftigem Ton zurück. „Wollen Sie hier rumschnüffeln?“
Ich atmete tief durch. „Ich möchte mir ein Bild über die Persönlichkeit von Alya machen“, sagte ich dann.
Sie zögerte und nickt dann abrupt. „Aber ich weiß, was dieser Raum enthält“, sagte sie in drohendem Tonfall, bevor sie die Tür hinter sich schloss. Ich blickte ihr erstaunt hinterher. Glaubte die denn, ich würde die durchgekauten Spielzeuge stehlen wollen?

Ich wandte meine Aufmerksamkeit wieder der Aufgabe zu, die vor mir lag. Ich musste mich in den Geist von Alya versetzen, wenn ich Erfolg mit meinem Findezauber haben wollte. Ich schloss die Augen mit ungutem Gefühl, ich wusste was auf mich zukam. Warum musste es eine Katze sein? Ich mag keine Katzen!
Mit einem letzten Seufzer ließ ich meinen Geist das Zimmer erfüllen. Fast sofort bekam ich Kopfschmerzen und das Gefühl, mich in der Wohnung eines Psychopathen zu befinden. Die Atmosphäre in einem von einem Menschen bewohnten Raum zu spüren war ungleich einfacher als die einer Katze. Katzen unterschieden sich einfach so sehr von Menschen. Ich spürte die Freude am Jagen, die absolute und unverrückbare Gewissheit, das Zentrum des Universums zu sein. Die Erinnerung eines grauen Schattens erschien auf der linken Seite des Zimmers. Eine unvorsichtige Maus, die in dem alten Haus nach Essen gesucht hatte. Ein Sprung, ein Schlag, das spritzende Blut… mit Gewalt riss ich mich aus der Erinnerung heraus, am ganzen Leibe zitternd.

„Sind Sie fertig?“ fragte Professor Jansen hinter mir.
*sie jagen, mit ihr spielen, ihr die Beine brechen, und dann, wenn sie mir langweilig wird….*
„Ja“, sagte ich schnell und schüttelte mich. Ich mochte wirklich keine Katzen!
Ich sah mich um. Das Zimmer war blitzeblank, keine Haare oder andere Körperteile. Unwillkürlich wurde mein Blick zu der Ecke hingezogen, in der die Maus gestorben war.
„Hier ist ein Foto von Alya“, sagte die Professorin und gab mir ein weißes Viereck in die Hand. Von dem Foto blickten mich grüne Augen an, in einem haarlosen Gesicht. Ich unterdrückte einen Fluch. Alya war eine dieser verdammten Nacktkatzen! Ich brauchte ein Stück des Suchobjekts, aber Haare fielen damit aus, weil nicht vorhanden. Speichel wäre ebenfalls möglich, aber nur bis der eingetrocknet war, und Alya war schon vorgestern verschwunden. Damit stand mir nur noch ein Weg offen, und dieser gefiel mir überhaupt nicht.
„Dürfte ich Ihre Toilette benutzen?“ Die Professorin wies wortlos auf die Tür gegenüber. Das Bad bestand komplett aus Glas und Marmor, inklusive dem Gegenstand, den ich gesucht hatte. Ich wappnete mich und beugte mich über das teuerste Katzenklo der Welt. Manchmal hatte ich echt einen Scheißjob!

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3 Gedanken zu „Mainhattanfiles: der erste Auftrag (2/5)

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