Mainhattanfiles: der erste Auftrag (1/5)

„Ich möchte Sie engagieren“, sagte die Frau noch auf der Türschwelle.
„Endlich!“, lag mir auf der Zunge. Seit zwei Monaten war mein Detektivbüro geöffnet, und bisher hatte ich erst zwei Gäste gehabt: die Putzfrau und den Pizzaboten. Ein richtiger Klient wäre mir mehr als willkommen. Doch ich war Magier, hatte äußerste Selbstbeherrschung bereits mit der Muttermilch aufgesogen.
Deswegen sagte ich nur ruhig: „Bitte kommen Sie doch herein!“

Die Frau trat mit festem Schritt näher, als gehöre ihr das Büro. Ich schätzte sie auf Mitte fünfzig, und das Wort „geschmackvoll“ kam mir in den Sinn. Alles an ihr war geschmackvoll, von den schwarzen Absatzschuhen über die weiße Bluse bis hin zu dem Haar, das sie dezent blond gefärbt und kurzgeschnitten trug. Außerdem kam sie mir bekannt vor, aber ich konnte ihr Gesicht nicht einordnen.
Sie schenkte mir kaum einen Blick, stattdessen musterte sie meine Einrichtung. Beeindruckt schien sie nicht zu sein. Dabei hatte ich mir solche Mühe gegeben! Acht Möbelläden hatte ich abklappern müssen, bis ich den dunklen Schreibtisch mit den Klauenfüßen gefunden hatte. Drachenförmige Kerzenständer mit extra tropfenden Kerzen hatte ich in einem dieser unsäglichen NewAge Stores bekommen. Und natürlich die Bücher von Harry Dresden, die Dresden Files, aufgereiht in einer Vitrine. Die Einrichtung hatte mich eine gute Stange Geld gekostet, aber schließlich wollte ich, dass meine Klienten sich in guten Händen fühlten.
„Warum haben Sie Ihre Fantasybücher hier stehen?“, unterbrach sie meine Gedanken.
Natürlich, sie war eine Uneingeweihte, ein gewöhnlicher Mensch. Den Meister aus Chicago würde sie als gewöhnliche Sterbliche nicht kennen. Meine Kleidung, das schwarze T-Shirt und den langen Mantel trug ich als Hommage an ihn.
Ich fragte mich, woher sie überhaupt meine Adresse hatte. Ich hatte eher auf nichtmenschliche Kundschaft gewartet. Aber vielleicht hatte meine Anzeige in den gelben Seiten sie angesprochen.
„Inspiration“, antwortete ich leichthin und wies auf den Ohrensessel vor meinem Schreibtisch. Sie runzelte die Stirn und für einen Augenblick fürchtete ich, sie wollte wieder gehen. Dann zuckte sie mit den Schultern und setzte sich.
„Thomas Krause“, stellte ich mich vor mit dem Namen, den ich in der Menschenwelt verwendete.
„Andrea Jansen“, gab sie kurz zurück.
„Was kann ich für Sie tun?“, fragte ich.
„Alya Chantalle ist verschwunden“, antwortete sie und spielte nervös mit ihrer Handtasche. Goldene Ringe blitzten an ihren Händen, welche, anders als ihr makelloses Gesicht, ihr wahres Alter verrieten. Menschen! Sie konnten dem Tod nicht entkommen, aber wollten so jung wie möglich aussehen, wenn sie ihm gegenübertraten.
„Ich verstehe“, sagte ich. „In welcher Beziehung stehen Sie zu der Vermissten?“
„Wir wohnen zusammen.“
Ich brummte ermutigend und machte mir eine Notiz.
„Wann haben Sie die Vermisste zum letzten Mal gesehen?“
Sie dachte kurz nach. „Das war vor drei Tagen. Sie verließ das Haus wie gewohnt. Seitdem habe ich nichts mehr von ihr gehört.“
„Haben Sie versucht, Sie zu erreichen?“
„Selbstverständlich! Ich war auch an allen Plätzen an denen sie für gewöhnlich verkehrt. Aber erfolglos.“
„Wissen Sie, ob Ihre Freundin Feinde hatte.“
Die Frau lachte. „Nein, ich glaube nicht. Außer vielleicht dem Hund der Ciceros.“
„Die Ciceros?“, fragte ich.
„Meine Nachbarn.“
Ich nickte. Die Ciceros. Wahrscheinlich Römer. Ich hoffte, dass Alyas Verschwinden nichts mit ihnen zu tun hatten. Die Römer gehörten zur größten nichtmenschlichen Gruppierung in Frankfurt, waren organisiert und vernetzt, und vergaßen nie einen Groll. Nicht die Art Feinde, die man sich wünscht, wenn man, wie ich, unauffällig bleiben möchte. Abgesehen davon war dieser Auftrag mir vom Himmel geschickt worden. Einen Menschen zu finden gehörte zu meinen einfachsten Aufgaben, sogar hier im chaotischen Frankfurt. Ich bräuchte nur einen einfachen Findezauber, und schon wäre Alya wieder mit ihrer Freundin vereint.
„Ich möchte mir Alyas Zimmer ansehen und den Platz, an dem Sie verschwunden ist“, sagte ich zu meiner Klientin.
„Warum?“, fragte sie scharf.
Um die Atmosphäre aufzunehmen und ein Haar von ihr zu finden. „Um mir ein Bild machen zu können und eventuelle Spuren zu finden.“
Das schien ihr nicht so zu gefallen. „Wenn es sein muss“, sagte sie widerstrebend und gab mir ihre Adresse. Ich unterdrückte einen Pfiff. Ihr … Anwesen befand sich im Westend, dem teuersten und nobelsten Viertel Frankfurts. Gedanklich verdoppelte ich mein Honorar. Die Frau konnte es sich leisten.
„Dann komme ich heute Nachmittag zu Ihnen. Passt Ihnen um zwei?“
„Besser halb drei“, gab sie zurück, gewohnt, die Uhrzeit zu diktieren.
„In Ordnung. Mein Tagessatz beträgt 400 Euro.“
Sie grinste. „Ich dachte, Sie würden den Auftrag als Freundschaftsdienst behandeln“, sagte sie.
Ich zog die Augenbrauen hoch während ich in Gedanken die zahlreichen Gefälligkeitsschulden meiner Familie durchging. Aber die Frau vor mir war ein Mensch, ansonsten hätten mich die Schutzrunen an der Bürotür über einen übernatürlichen Besucher informiert.
„Freundschaftsdienst?“, beschloss ich deshalb, mich dumm zu stellen.
„Nun… Ihr Bruder legt doch wohl Wert darauf, seinen Kurs bei mir zu bestehen.“
Ich unterdrückte einen Fluch. Andrea Jansen! Professor Jansen! Deswegen war sie mir gleich so bekannt vorgekommen. Verdammter Paul!

Bis um halb drei hatte ich noch gute zwei Stunden Zeit. Ich verabschiedete die Professorin und schlenderte hinüber zu meinem Vorratsraum, während ich gedanklich die Zutaten für einen Findezauber zusammenstellte. Die teuren und gefährlichen Materialien verwahrte ich zu Hause, aber für diesen Zauber würde ich nur die Standards brauchen. Leise vor mich hinfluchend griff ich eine Handvoll getrockneten Spitzwegerich, eine Eierschale und eine Tüte Ahoibrause, die sich aus unerfindlichen Gründen als Alternative für Drachenkrallen verwenden ließ (aber nur Himbeer). Fluchen neben magischen Zutaten war etwa so wenig empfehlenswert wie in eine Feuerwerksfabrik mit Streichhölzern zu gehen. Aber es wurmte mich, gratis arbeiten zu müssen. Dass ich Professor Jansen aber auch nicht gleich wiedererkannt hatte! Die alte Spinatwachtel! Wohl zum hundertsten Male stellte ich meine Entscheidung in Frage, Paul mit mir nach Frankfurt zu nehmen. Ich hätte einen Strich machen sollen und Paul mit dem Rest der Familie zurücklassen. Für diesen Fehler bezahlte ich nun.

Ich warf mir meinen Mantel über und verließ mein Büro. Die Leute musterten mich, während ich zum Aufzug ging. Ich schenkte ihnen keine Beachtung. Ich war ganz cool, cool wie Harry Dresden. Cool marschierte ich durch die Eingangshalle, schritt durch die gläserne Drehtür – in den Frankfurter Sommer.
Die Hitze draußen traf mich wie ein Schlag. Ich fragte mich wirklich, wie Harry es schaffte während seiner Fälle immer seinen langen, dunklen Mantel zu tragen. Der Asphalt unter meinen Füßen kochte beinahe. Nach hundert Schritten gab ich es auf. Schweißgebadet brachte ich den Mantel zurück in mein Büro. In Chicago konnte man so einen Mantel vielleicht tragen, im Sommer Frankfurts war das unmöglich!

Am Mainufer gab es nette Restaurants, doch nach einer schnellen Prüfung meiner Finanzen entschied ich mich spontan für die Rostwurstbude. Meine Ersparnisse gingen erschreckend schnell zur Neige. Ich hatte es mir so einfach vorgestellt, Fuß im Draußen zu fassen, von meiner Familie unabhängig zu werden, eine Detektei zu eröffnen wie der große Meister aus Chicago.
„Was darf’s sein?“, fragte die Frau hinter dem Tresen.
„Fritten, Rostwurst und eine Cola“, antwortete ich und legte die Münzen hin.
Ja, eine magische Detektei eröffnen, das war die Idee gewesen. Nur leider konnte ich nicht mal richtig Werbung machen, denn sonst würde mich meine Familie schnell finden.
„Das reicht nicht“, unterbrach die Frau meine Gedanken. „Es macht 6,24, hier liegen nur 6 Euro.“
„Ich komme auf 5,99“, sagte ich, automatisch nachrechnend. Ich hatte mich noch nie im Leben verrechnet. Thomas, 22, Mathegenie, könnte ich auf meine Visitenkarte schreiben. Wenn ich eine hätte.
„Das Pfand?“
Ich stöhnte. Natürlich, das Pfand hatte ich vergessen. Idiotisches System, das das Leben nur schwerer machte. Unwillkürlich bewegte ich meine Hand, um den Geist der Frau anzupassen, und verharrte mitten in der Bewegung. Ja, mach ruhig weiter, Tom“, dachte ich gehässig. „Und frag sie auch gleich nach dem Ketchup, damit du dir eine Zielscheibe auf die Stirn malen kannst.
„Ich esse es gleich hier“, sagte ich stattdessen. Die Frau schüttelte den Kopf.
„Wenn Sie wegrennen, muss ich das aus eigener Tasche bezahlen.“
„Wegen 25 Cent?“
„Sie glauben nicht, wie oft mir das schon passiert ist.“
Ich schüttelte verständnislos den Kopf. Ich würde mich für die paar Kröten nicht mal in Bewegung setzen, schon gar nicht bei dem Wetter.
„Kann ich Ihnen vielleicht ein Pfand da lassen? Mein Handy?“ Ich griff in meine Tasche, doch die war leer. Mich überlief es kalt. Ich besaß das Handy erst seit 2 Monaten, aber schon jetzt fühlte ich mich nackt und allein, wann immer ich es nicht bei mir trug. Ich atmete tief durch und unterdrückte die aufsteigende Panik. Ich war mitten in Frankfurt, am helllichten Tag. Es drohte keine Gefahr!
„Lassen Sie die Cola weg“, sagte ich schließlich.
Sie warf mir einen langen, Blick zu, in dem sich Strenge und Mitleid zu gleichen Teilen mischten. Mütterlich? Keine Ahnung! Meine Mutter hatte mich nie so angesehen.
„Das ist nicht gut. Bei dem Wetter müssen Sie was trinken. Ich sag Ihnen was: Geben Sie mir Ihren Anhänger als Pfand.“ Sie nickte in Richtung meiner Kette, an der ich einen Drachenanhänger trug. Ich schüttelte bedauernd den Kopf. „Das geht leider nicht, weil…den Anhänger hat mir eine Frau geschenkt. Ich muss ihn immer tragen, sonst würde sie mich umbringen.“ Die Frau lachte.
„Ja, solche Frauen kenne ich.“ Das bezweifelte ich, aber das würde ich ihr nicht sagen, auch nicht, dass die betreffende Frau meine große Schwester gewesen war.

Nächste Folge

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8 Gedanken zu „Mainhattanfiles: der erste Auftrag (1/5)

  1. Pingback: Mainhattanfiles: der erste Auftrag (2/5) | Tina Skupin

  2. Pingback: Mainhattanfiles | Tina Skupin

    • Vielen Dank Anjana, freut mich sehr, dass es dir gefallen hat. und entschuldige bitte die späte Antwort. Aus irgendwelchen Gründen hab ich keine Benachrichtigung bekommen.

  3. Gerade beim Stöbern im Tintenzirkelforum darauf gestoßen.
    Fängt echt gut an, der Hauptcharakter gefällt mir schon auf der ersten Seite.
    Da auch ich gespannt bin, wie es weitergeht, blättere ich auch gleich weiter 🙂

    • Hallo Kitchen,
      jo, endlich komme ich dazu, dir zu antworten (bzw. habe ich überhaupt mal den Kommentar gelesen).
      Vielen Dank für dein Lob. Freut mich sehr, dass es dir gefällt! Ich habe mir auch deinen Blog angesehen. Gefällt mir total gut, und ich hab ihn mir gebookmarkt (ich liebe Denglisch).
      Ich überleg jetzt, ob wir uns irgenwoher kennen. Bist du auch im Tizi registriert?
      liebe Grüße
      Tina

      • Nein, denke nicht, dass wir uns kennen. Im Tizi bin ich noch nicht registriert, habe ihn im März, als ich mitten in der Nacht die spontane Idee zum Schreiben bekommen habe, beim Stöbern nach guten Schriftstellerforen entdeckt. Denke nicht, dass ich schon das Zeug hab, mich zu bewerben. Denglisch, ja das ist ein Problem meines Berfufsfeldes, das ich einst auch schrecklich fand,wahrscheinlich aber ein Phänomen ist, das unser Sprachbild mit den Jahren umkrempeln wird. Es sei den Chinesisch etabliert sich demnächst als Weltsprache 😀 Aber danke für das Lob 🙂

  4. Das meiste vom Tizi kannst du sehen, ohne eingeloggt zu sein. Aber wenn du dabei bist, kannst du auch selbst schreiben, Aber überlegs dir mal. Wir beißen nicht, und sind alle recht umgänglich 🙂
    einen schönen Sonntag dir!

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