Mögen wir in interessanten Zeiten leben – Terry Pratchett Nachruf

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Meine Pratchettsammlung (Teile davon)

Normalerweise schreibe ich selten Nachrufe. Das Internet ist voll von Lobeshymnen auf den jeweiligen Verblichenen, und ich habe selten das Gefühl, etwas Sinnvolles beitragen zu können. Diesmal ist eine Ausnahme. Diesmal habe ich das Gefühl, etwas schreiben zu müssen, auch wenn ich mich betäubt fühle von den furchtbaren Nachrichten gestern.

Man sagt, dass man sich daran erinnert, wo man an wichtigen Tagen war, am Tag der Mondlandung, Mauerfall, 11. September. Ich erinnere mich noch genau, wann ich zum ersten Mal Terry Pratchett gelesen habe.

Ich war 17, und wie jede Woche im Jugendkreis, wo mir einer meiner Bekannten ein Buch in die Hand drückte: „Fantasy, aber echt lustig“, bemerkte er noch dazu. Ich sah einen schreiend bunten Einband, der mir wenig sagte, (von Kirby hatte ich in meinem Dorf noch nie gehört) aber seltsam faszinierte. Ich öffnete das Buch und las den ersten Satz: „es gibt einen Fluch: Mögest du in interessanten Zeiten leben.“ Und ich war verloren.

An diesem Tag war ich für meine Freunde wohl keine gute Gesellschaft mehr, denn meine Nase kam nicht mehr aus dem Buch raus, bis ich nach Hause musste. Da las ich weiter, unter der Decke (man hätte mir das Buch aus meinen kalten, toten Händen reißen müssen) und am nächsten Tag kaufte ich mir das nächste Buch. Ich kannte Fantasy mit mutigen Rittern und feuerspeienden Drachen, aber das hier war etwas ganz anderes. Bei Terry gab es auch feuerspeiende Drachen, meistens explodierten die aber eher, und die Scheibenwelt war so real, so wunderbar und haarscharf beschrieben, und ich fühlte mich gleich zuhause. Hätte es die Möglichkeit gegeben, ich wäre in die Scheibenwelt ausgewandert. Und noch etwas: mir kam der Gedanke: „So schreiben, das könntest du auch“….

Ja, andere Autoren lesen sowas wie Eragon und denken „das kann ich auch“. Erwähnte ich, dass ich 17 war, und dumm (in den meisten Fällen synonym)? Zu meiner Verteidigung: Pratchett war zu dieser Zeit nicht der absolute Superstar, der er später wurde. Es war die Zeit, als er gerade anfing, von bekannt zu berühmt aufzusteigen. Ich hatte nicht ahnen können, dass dieser Autor der bekannteste Fantasyautor weltweit werden würde. Außerdem sah, was er machte, so leicht aus, was ich im Leichtsinn meiner Jugend als „ist ja simpel“ interpretierte. In den Händen eines Meisters sieht alles einfach aus. Erst, als ich selbst begann meine Geschichten zusammenzuspinnen, merkte ich, wie schwer es ist, etwas so leicht aussehen zu lassen, wie hart man arbeiten muss, damit das Gesamtwerk so aussieht, als wäre es völlig natürlich aus einem Guss entstanden. Heute habe ich das Gefühl, wenn ich etwas eine Million Jahre weiterschreibe, werde ich vielleicht mal ein Viertel so gut wie Terry Pratchett.

Und wie jeder gute Meister hat Terry mich inspiriert. Zu meiner ersten Halloweenparty ging ich als Rincewind verkleidet (nein, es gibt keine Fotos davon), jedes neue Buch las ich am Erscheinungstag, und später lernte ich englisch, um die Bücher in der Originalsprache lesen zu können, und weil die englischen Ausgaben viel früher erschienen als die deutschen (womit ich meinem genauso Pterry- verrückten Kumpel eine lange Nase machen konnte). Dutzende der Figuren haben mich über die Jahre begleitet. Granny Wetterwachs, die unbeugsame Hexe und ihre wunderbare Nachfolgerin Tiffany Weh, die Nac Mac Feegles mit ihrem Anführer Rob Anybody (und wie hätte man dieses Wortspiel übersetzen sollen), Sam Mumm und die Stadtwache, Angua, und die hunderte kleineren Figuren, die tausende und abertausende kleinere Ideen, die über Terrys Geschichten zogen wie brilliante Sternschnuppen.

Doch von heute an muss ich, müssen wir alle, ohne diese Sternschnuppen auskommen. Denn heute ist Terry Pratchett gestorben.

Man kann den Einfluss von Terry Pratchett auf unsere Generation nicht hoch genug einschätzen, und ich kenne buchstäblich niemanden, der ihn gelesen hätte und davon völlig unberührt geblieben wäre. Irgendwas nahm jeder aus einem Pratchett mit, eine Idee, ein Scherz, einen neuen Gedanken. Dies ist sein Vermächtnis: seine Bücher, die bei uns bleiben und die wir weiterlesen können. Und für uns Schriftsteller bleibt er ein Leuchtturm, einer der ganz großen, auf dessen Schultern wir stehen und in andere Welten blicken dürfen. Und die sicherstellen, dass unsere Zeiten immer interessant sein werden.

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