Ein kunterbuntes… Hochhaus

Foto: Tina

In der Schule waren wir uns einig: Alle wollten wir in Schweden leben. Zur Frage des genauen Wohnorts gab es zwei Parteien: die einen favorisierten Bullerbü, das aus drei Höfen bestehende Dorf (was für ein Anachronismus in unserer globalisierten Welt) gemeinsam mit Britta, Bosse und Lisa. Die anderen präferierten Pippi Langstrumpfs Villa Kunterbunt. Ich gehörte zur Pippi-Fraktion und jahrelang stellte ich mir vor, in Schweden zu wohnen, mit Herrn Nilsson, dem kleinen Onkel und dem Limonadenbaum. Der Grund, warum ich jetzt, über zwanzig Jahre später, tatsächlich in Schweden lebe, hat mit Pippi nicht das allergeringste zu tun. Und statt in einer alten Holzvilla lebe ich in einer Einzimmerwohnung, in einem Hochhaus, dass man ohne Probleme auch in Halle-Neustadt erwarten könnte. Und- ich liebe es!

Ich liebe es, mit meinem Freund zusammen zu wohnen, morgens neben ihm aufzuwachen, mit ihm zu kochen und Sachen zu unternehmen. Ich liebe es, dass die Wohnung im obersten Stock liegt, so dass ich einen wunderbaren Ausblick auf den Park und die Leute hab und jenseits des Hauses gegenüber den Sonnenuntergang beobachten kann. Ich liebe es sogar, eine winzige Wohnung zu haben. Mein Liebster ist immer in Rufreichweite, trotzdem hat jeder sein Zimmer zum arbeiten (er hat seinen Schreibtisch in der Küche stehen). Und die Wohnung ist so klein, dass wir sie problemlos innerhalb von zwei Stunden geputzt und aufgeräumt haben.

Gut, diese Sachen könnte ich wohl auch woanders haben. Andere Sachen findet man wohl nur in Schweden. Zum Beispiel gibt es hier keine Keller! Der Untergrund besteht zum größten Teil aus Granit, und Keller müsste man buchstäblich in die Erde sprengen. Stattdessen verfügt jedes Haus über einen Abstellraum oder zumindest einen Verschlag irgendwo im Haus, wo alter Kram und die Skiausrüstung gelagert werden. Das finde ich einfach nur großartig, denn ich hasse Keller. Seit meiner Kindheit weiß ich mit unumstößlicher Sicherheit: Keller sind was Scheußliches, da gibt es Spinnen und Zombies (die Spinnen sind ok). Jahrelang habe ich versucht, etwas gegen diese Angst zu unternehmen: singen, Therapie, sich zwingen, extra lang im Keller zu bleiben. Nichts half! Auf die einfachste Lösung wäre ich nie gekommen: kein Keller! Nie mehr erklären, warum ich grade jetzt nicht Wäsche oder Mineralwasser hochholen kann, sehr angenehm!
Ein weiteres Ritual, welches ich aus Deutschland kein Stück vermisse: Es passierte immer um diese Jahreszeit. Eines Tages war er da, ein dicker Umschlag mit dreißig Blättern Ouvertüre des Grauens. Mir reichte indes die erste Seite: „Hallo Tina, ich weiß, du hast dich auf deinen Urlaub gefreut, aber du hast auch gekocht und geheizt in deiner Wohnung, deswegen überweis mir doch bitte das für den Urlaub gesparte Geld. Mit freundlichen Grüßen, dein Vermieter.“
Ich will mich jetzt nicht darüber auslassen, wie bescheuert es ist, bei einer Zweizimmerwohnung nur hundert Euro Nebenkosten zu veranschlagen, dann aber über tausend Nachzahlung jedes Jahr zu verlangen. Ich will auch gar nicht drauf eingehen, wie krank ein System ist, wo es jemand mit Abitur, Studium und Doktortitel in einem naturwissenschaftlichen Fach nicht schafft, eine Nebenkostenabrechnung zu entwirren. Worauf ich hinaus will: In Schweden zahlt man einen Festbetrag als Miete, so etwas wie Nebenkostenabrechnung gibt es nicht. Natürlich weiß ich, dass ich natürlich auch hier Nebenkosten bezahle, dass die Kosten auf die Miete draufgeschlagen werden. Aber ich weiß, welche Kosten mich jeden Monat erwarten, und ganz ehrlich: dafür, dass ich in Deutschland Stunden und Nachmittage meiner kostbaren Freizeit damit verbracht habe, aus diesem dreißigseitigen Sermon Sinn zu machen, dafür nehme ich gerne die Gefahr in Kauf, vielleicht sogar etwas zu viel zu zahlen.
Aber was am Wohnen in Schweden am großartigsten ist, (ich habs schon öfters erwähnt, aber man kann es gar nicht genug betonen), ist die Nähe zur Natur. Stockholm ist eine der Städte mit dem höchsten Freiflächenanteil, auch geschuldet durch das viele Wasser. Man geht aus der Tür und um die nächste Ecke gibt es immer einen Wald, einen Park, einen See, einen Platz zum picknicken, erholen und Ruhe haben. Wenn ich gestresst von der Arbeit bin, laufe ich einfach etwas durch die Gegend, und eine halbe Stunde Kiefern, Felsen und Blaubeeren, der weiche Boden unter meinen Schuhen, unterbrochen von herausragenden Steinen, entspannt mich mehr als ein Tag im Thermalbad. Auch die Wohnsiedlungen selbst sind extrem weitläufig und großzügig angelegt. Obwohl wir hier in einer Hochhaussiedlung leben, habe ich nicht das Gefühl, meinen Nachbarn auf der Pelle zu hocken. Zwischen den Häusern verlaufen mit Spielplätzen, Grillecken und Sitzgelegenheiten ausgestattete Grünanlagen, die ganz selbstverständlich betreten und genutzt werden dürfen. Jetzt, wo der Schnee taut, sieht man die erst so richtig, der Grillplatz zum Beispiel war unter einer ein Meter hohen Schneeschicht komplett begraben und hab ich erst kürzlich entdeckt.
In die Villa Kunterbunt habe ich es nicht geschafft, aber das braucht man vielleicht auch gar nicht. Wichtig ist, zu wissen, was einem selbst wichtig ist, und danach zu streben, und das Erreichbare im wirklichen Leben von der Phantasiewelt eines Kinderbuches zu trennen. Und mit diesem weisen Schlußsatz will ich mich für heute verabschieden. Der Boden ist aufgetaut, und die Narzissen spriessen. Ich will ums Haus ein paar Limonadenbäume pflanzen. Bis zum Sommer müssten die reif sein.
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