Sergels Torg

Mein Freund arbeitet heute von zu Hause aus, und da er komplizierte Papers lesen will, und keine Störung gebrauchen kann, bin ich zum Schreiben zur Bibliothek am Sergels Torg gefahren. Das ist nur die halbe Wahrheit. Die ganze Wahrheit ist: ich schreibe gerne da.

Was kann man zum Sergels Torg sagen? Der Sergels Torg ist der verkehrsreichste Platz Stockholms. Hier treffen alle Ubahn-linien, die Eisenbahn und die meisten Busse zusammen. Dominiert wird der Sergels Torg von einer Glassäule in der Mitte eines riesigen Kreisels. Ich bin ja der Meinung, der Sergels Torg wurde als Ausgleich für Bewohner und Besucher Stockholms konstruiert: eben noch schlendert man durch die wundervolle Altstadt mit ihren Gässchen, fährt mit der Fähre von einer Insel zur anderen, bewundert die großartige Architektur der Oper und des Theaters, biegt um eine Ecke, und… steht am Sergels Torg, einem lauten, zugigen Platz ohne ein Fleckchen Grün. Hustend stolpert man über drei Stockwerke, während man von Autos, Bussen, Ubahnen, Zügen und Fahrrädern fast überfahren wird. Orientierung liefern nur die vier Hochhäuser, die man ohne weiteres nach Halle- Neustadt oder Marzahn verpflanzen könnte. Schnell wird einem klar, dass man noch nicht im Paradies gelandet ist. So lange es den Sergels Torg gibt, befindet sich Stockholm noch auf der Erde.
Direkt am Torg befindet sich das „Kulturhuset“, ein riesiger mit Glas verkleideter Kasten mit dem Charme des Palasts der Republik (sacht mal, Schweden, habt ihr in den 70ern nen Wettbewerb mit DDR-Architekten ausgeschrieben, und gesagt „wir haben hier nochn Platz, von dem wir nicht wissen, was wir damit anfangen sollen! Viel Spaß, tobt euch aus!“) Und in diesem Kasten befindet sich unter anderen der „Läsesalongen“ (richtig, Lesesalon, Schwedisch kann so einfach sein). Als ich das erste Mal vor dem Gebäude stand, dachte ich nur: Die haben Bücher die du willst. Geh rein, hol die Bücher, und nichts wie weg.
Man sollte eine Bibliothek nicht nach ihrem Äußeren beurteilen! Diese Bibliothek ist unglaublich!
Sie ist spezialisiert auf Kunst und Kultur, trotzdem gibt es auch etliche „normale“ Bücher. Es gibt eine Abteilung für Kunst, für Film, für Musik, für Literatur, für Comics…. Comics?? Ja, eine große Abteilung widmet sich ausschließlich Comics, von den Mickymaus Klassikern, über den Marvel-Comics bis hin zu den modernen japanischen Mangas. Darüber hinaus haben sie auch „seltene“ Comics, sowie Abhandlungen über die Geschichte der Comics und Anleitungen zum Selberzeichnen. Nach einer Viertelstunde Stöbern ging mir auf, dass Comics tatsächlich eine Kunstform sind, die soziale Problemlagen und psychologische Abgründe widerspiegeln können. Superman ist tiefgründig- wer hätte das gedacht? Noch etwas fiel mir auf. Die meisten Jugendlichen lagen in den gemütlichen Sitzen und lasen Comics. Aber immer wieder stand jemand auf und ging zu dem Regal mit den historischen Hintergründen und den Zeichentechniken, und von da aus diffundierten sie auch in die anderen Abteilungen, Kunst, Geschichte, Literatur.
Ob die Bibliothek denn wenigstens von innen schön ist? Ganz ehrlich: nein! Nackte Betondecken, alte Filmposter an den Wänden. Trotzdem ist es wundervoll hier. Ich sitze an einem hellen Platz am Fenster, der Stuhl ist bequem und ich habe Strom für den Laptop. Hinter mir sitzt ein Mann und übt ein Stück auf einem stummen Klavier. Meine Füße wippen im Takt der unhörbaren Melodie. Leute aller Herkünfte und sozialer Schichten laufen an mir vorbei, lesen Zeitungen- online oder als Papier, oder hören Klassik über Kopfhörer. Niemand hindert sie daran, oder schaut auf sie herab. Hier ist Kunst, sie ist für euch, schnappt sie euch, nutzt sie, lebt sie!

Hier ist der einzige Ort, wo mein innerer Kritiker still ist. Nur hier fühle ich mich nicht unwürdig, oder größenwahnsinnig bei dem Gedanken, ich schreibe ein Buch. Und nur hier werden meine Figuren lebendig, entkommen meinem Rechner und spazieren zwischen den Regalen entlang. Werden zu Personen statt schlechten Stereotypen.

Hier ist Sommer, die Ostsee funkelt, es riecht nach Vanilleeis, und gerade wurde ein Mann erstochen in der Ubahn gefunden. Der Kritiker steht vorm Fenster und krakeelt: Du bist am Sergels Torg, dem hässlichsten Platz der Stadt! Es ist Winter! es schneit!
Er ist draußen. Hier drinnen ist Kunst.
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