28 Kilo (Teil 2/2)

Wenn ich jemals ein Buch schreiben sollte über meine Zeit in Stockholm und wie das alles war, werde ich es „28 Kilo“ nennen. Dies ist nämlich das Höchstgewicht, dass man bei Germanwings ohne Aufpreis mitnehmen darf. Jetzt hören sich 28 Kilo eigentlich gar nicht so wenig an- kommt drauf an, von was man ausgeht: 28 Kilo Elefantenbaby ist wenig, 28 Kilo Menschenbaby ist viel, 28 Kilo Weihnachtsplätzchen ist Weight Watchers im Frühjahr, 28 Kilo Kaffee ist ein Herzinfarkt. 28 Kilo ist extrem wenig, wenn man die gesamten Habe nicht mehr wiegen dürfen. 28 Kilo Gepäck ist viel, wenn man es auf dem Rücken tragen muss.
Am vierten März war es endlich soweit: Ich flog nach Schweden. Meine Wohnungsschlüssel hatte ich schon abgegeben, die letzte Nacht in Deutschland verbrachte ich bei einem Kumpel. Früh morgens sollte mein Zug nach Berlin gehen. Ich stand im Flur und begann aufzuladen. Großer Reiserucksack aufn Rücken, kleiner Handgepäckrucksack nach vorne, Laptoptasche um den Hals gehängt, Rollenkoffer in die rechte Hand. Na, das sah doch gut aus. Frohgemut lief ich los. Ich kam bis zur Haustür, dann verhedderte sich die Laptoptasche um meinem Hals.
Nachdem mein Kumpel mich befreit hatte, und die blauen Sterne und rosa Elefanten vor meinem Gesicht wieder verschwunden waren, lud ich alles wieder ab, und packte um. Wir fuhren zum Bahnhof, zum Abschied schenkte ich ihm eine formschöne und praktische Laptoptasche. Dann verabschiedeten wir uns, und ich blieb mit meinem Gepäckhaufen im Zug sitzen. Worauf hatte ich mich nur eingelassen? 28 Kilo ist mehr als mein halbes Körpergewicht. Wie sollte ich das in Berlin vom untersten Deck ganz noch oben zur S-bahn schleppen? Dann rief ich mich zur Ordnung. „Sei nicht so negativ“ schalt ich mich. Wird schon alles gut gehen.
Eine Stunde später kamen die ersten Ausläufer von Berlin in Sicht. Ich trank meinen Kaffee aus, und schnappte mein Gepäck. Reiserucksack hinten, Rollenkoffer an der Seite, kleinen Rucksack nach vorne umschnallen. So stolperte ich aus dem Zug und durch den Bahnhof. Plötzlich begann der Gurt meines Rucksacks sich zu lösen. Oh nein, da war mein Laptop drin. Der durfte nicht runter fallen. Plötzlich griff eine kaffeebraune Hand nach dem Rucksack.
Der Besitzer der Hand schenkte mir ein breites Lächeln, fragte mich im perfekten englisch, wo ich denn hinwolle, und griff sich dann ohne weitere Umstände meinen Koffer. Er trug mir die Koffer bis zur S-bahn, schenkte mir ein weiteres breites Lächeln und verschwand wieder in der Menge. Erscheint, hilft verschwindet spurlos, ich weiß, das hört sich eher wie eine Geschichte aus 1001 Nacht an. Aber ich bleibe dabei: ich hab einen Dschinn gesehen, oder einen Gentleman …. was ist am Berliner Hauptbahnhof unwahrscheinlicher? (should you read this: thank you again for saving my life!).
Flughafen Schönefeld ist die Endhaltestelle der S-Bahn. Also konnte ich gemütlich aussteigen. Schwergepackt stolperte ich über das Gleis. Da waren Rollwagen! Nichts wie hin. Wie überall muss man einen Euro einwerfen. Ihr ratet richtig: ich hatte 20 cent, ich hatte 50 Cent, ich hatte 2 Euro, ich hatte sogar schon 1 und 10 Kronenstücke- aber natürlich keinen Euro. Also beladen mit den Sachen den Kilometer zum Flughafen geschlappt. Zwischendurch löste sich immer wieder mein kleiner Rucksack, den ich in diesen Minuten richtig hassen lernte (ein Gefühl, dass sich in den nächsten Monaten auswuchs). Und dann, endlich war ich am Flughafen und konnte einchecken. Gott sei dank, das schwere Zeug zumindest für ein paar Stunden loswerden zu können.
Und dann- hatte ich endlich Zeit. Vier Stunden, bis mein Flieger ging. Seit 6 Wochen war ich rotiert, hatte wenig Zeit zum Nachdenken gehabt, hatte alle Gedanken weit weg geschoben. Und jetzt- jetzt hatte ich nichts anderes mehr zu tun, als nachzudenken. Darüber, dass ich grad das Land verlasse. Was alles passieren kann. Und wen ich alles zurücklasse. Die Geburtstage, bei denen ich nicht dabei bin. Nach einer Viertelstunde hab ich mir nen dummen Krimi gekauft, und bis zum Abflug gelesen.
Wie immer betrat ich das Flugzeug als Letzter. Hab keine Flugangst, aber ich mag den Erdboden besonders gerne, kurz bevor ich in ein Flugzeug steige. Mein Sitzplatz (am Fenster – Tschakka!) und schon ging es los. Fliegen werd ich wohl nie mögen- aber dieser Moment, in dem das Flugzeug plötzlich auf gefühlte 500 Stundenkilometer hochjagt bevor es abhebt, ist einfach unerreicht.
Und dann bricht das Flugzeug durch die Wolkendecke, und alles unter einem ist weiß und fluffig. Ich bestellte einen weiteren Kaffee und wandte mich wieder meinem Krimi zu. Pünktlich zum Landeanflug hatte ich den durch (mahn, war dasn lahmes Ende), und dann – war ich in Schweden. Fühlte sich irgendwie nicht anders an als vorher. Am Gepäckband nahm ich meine 28 Kilo wieder in Empfang, im Unterschied zu Berlin gab es in Stockholm Gepäckwagen ohne Geldeinwurf, so dass ich diesmal nicht aussah wie ein Packesel. Mit dem Flughafenbus fuhr ich direkt in die Stadt. Und dort wartete auf mich der wunderbarste Mann der Welt. Nach einem halben Jahr Fernbeziehung waren wir endlich wieder zusammen.
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